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Care-Arbeit

15. September 2026 / Toni Schindler

Für Sorge – Queer-feministische Bewegungen stärken

Ein Rückblick auf unser queer-feministisches Bildungswochenende

Teil des Projekts: Für Sorge! 

Was passiert, wenn soziale Infrastruktur gekürzt wird? Wer fängt auf, was wegfällt? Was brauchen feministisch und gewerkschaftlich Aktive, insbesondere in Sachsen, und wo fehlt es gerade an Strukturen?

Mit diesen Fragen beschäftigten wir uns bei unserem queer-feministischen Bildungswochenende in Torgau. Gemeinsam haben wir uns in Workshops, einer Filmvorführung und einer Podiumsdiskussion mit unterschiedlichen Formen von Sorgearbeit auseinandergesetzt. Sowohl mit bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit, mit Arbeitskämpfen und gewerkschaftlicher Organisierung, mit Migration und Prekarität, mit Körpern und Emotionen – und mit der Frage, wie wir sorgende Beziehungen und starke feministische Bündnisse (in Sachsen) aufbauen können.

Denn unsere Vision ist grundlegend: Care soll ins Zentrum der Gesellschaft rücken und neu organisiert werden.

Feminismus in Bewegung: Gemeinsam gegen Kürzungen und Rechtsruck

Care-Arbeit wird gesellschaftlich systematisch abgewertet und vielfach unter prekären Bedingungen geleistet. Gleichzeitig werden soziale und öffentliche Infrastrukturen wie Pflege, Gesundheit und Beratung zunehmend gekürzt, Einrichtungen geraten unter Druck und Beschäftigte müssen immer mehr leisten. Es zeigt sich eine Politik, in der sich der Staat zunehmend aus der Verantwortung zurückzieht. Damit verlieren auch viele Projekte in Sachsen, die sich seit Jahren für Inklusion und Empowerment einsetzen, ihre finanzielle Grundlage: Dem langjährig bestehenden Queer Refugees Network des Vereins Rosa Linde in Leipzig wurde beispielsweise die Förderung gestrichen. Auch der neue Haushaltsentwurf in Dresden enthält massive Kürzungen. Davon betroffen sind verschiedenste Projekte und Bereiche, unter anderem die Kinder- und Jugendarbeit.

Welche Auswirkungen Kürzungen auf queere, feministische und migrantische Projekte und Netzwerke in Sachsen haben, diskutierten wir auf unserer Podiumsdiskussion mit Delal Atmaca, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von Damigra e.V., Konstanze Morgenroth, Gleichstellungsbeauftragte für den Landkreis Sachsen, Tanchik Kulbakina von der RosaLinde Leipzig, Elisabth Koch, aktiv im Bündnis gegen Kürzungen und Claudia Kurzweg aus Torgau. Sie stritten außerdem über Strategien, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen und erzählten, was ihnen Kraft gibt, weiterhin für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen.

Verschiedene Perspektiven – gemeinsame Kämpfe

Im Workshop Migration, Prekarität & Fürsorgearbeit“ mit Vân ging es unter anderem um die Situation vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Dabei wurde sichtbar, wie eng Arbeitsbedingungen, körperliche Fremdbestimmung und Fürsorgestrukturen miteinander verbunden waren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Arbeiter*innen keineswegs nur passive Betroffene ihrer Migrationsgeschichte waren, sondern sich Räume und Handlungsmöglichkeiten schufen. Ein wichtiges Widerstandsmoment war dabei die Vernetzung in den Wohnheimen. Diese wurden zu Orten der Begegnung, des Austauschs und der Gemeinschaft.

Im Workshop „Neue Perspektiven auf Gleichstellungsarbeit“ mit Fatma und Karin vom Genderkompetenzzentrum wurde die Frage nach der feministischen Infrastruktur in Sachsen gestellt. Wir machten queer-feministische Akteur*innen durch ein Mapping sichtbar und zeigten damit auch Leerstellen auf. Dabei wurde deutlich, dass feministische Initiativen unabhängiger von staatlicher Finanzierung und Strukturen werden müssen, ohne die Bedeutung öffentlicher Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Gewerkschaften können hierbei wichtige Verbündete sein. Ebenso braucht es eine stärkere Vernetzung von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Gleichstellungsarbeit sowie die Nutzung bestehender Dachverbände und gemeinsamer Strukturen.

Auch das freie Radio wurde als politischer Raum betrachtet. Im Workshop „Deine Stimme zählt“ mit Sinah von Radio Blau ging es darum, wie Freie Radios Räume für Demokratie und gesellschaftliche Vielfalt schaffen können. Für marginalisierte Gruppen können solche Räume Möglichkeiten schaffen, eigene Themen in die Öffentlichkeit zu bringen und selbst zu bestimmen, wie über diese gesprochen wird.

Der Dokumentarfilm „48 Gün (48 Tage)“ nahm uns mit zu den migrantischen Frauen, die ihre Arbeit beim Charité Facility Management (CFM) in Berlin bestreikten. Der Film und das anschließenden Gespräch mit der Produzentin Betül Yılmaz zeigten eindrücklich, wie gewerkschaftliche Organisierung im Care-Kontext zu einem Instrument für mehr Würde, Anerkennung und bessere Bezahlung werden kann.

Unter dem Titel „Kitas kaputtsparen“ berichtete Laura als Erzieherin, Personalrätin und ver.di-Aktive aus ihrem Arbeitsalltag und von gewerkschaftlichen Kämpfen. Dabei wurde deutlich, wie zentral Arbeitskämpfe im Care-Bereich sind: Wer für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und mehr Personal kämpft, kämpft nicht nur für die Beschäftigten selbst. Es geht immer auch um die Qualität der Versorgung und damit um die Frage, welche Bedeutung wir Sorgearbeit als Gesellschaft geben.

Bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit ist weiterhin global wie gesellschaftlich ungleich verteilt. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Widerstände, Kämpfe und Visionen für gerechteres Wirtschaften und solidarische Lebenswelten – wie Kleo im Workshop „Visionen solidarischer Care Arbeit“ zeigte. Wir lernten, wie Menschen und Kollektive bereits heute für solidarischere Formen von Care-Arbeit kämpfen, welche Ansätze sie dabei verfolgen und welche Care-Utopien sie entwerfen. Bei einer gemeinsamen Traumreise entwarfen wir unsere eigenen solidarischen Utopien.

Im Workshop „Hey Sib, how are we doing?“ mit Senja und Shiva begaben wir uns gemeinsam auf eine somatische Erforschung von Care in Beziehungen. Mit dem ganzen Körper nahmen wir Emotionen wie Wut, Angst, Trauer, Liebe und Dankbarkeit wahr und drückten diese aus. Wir lernten über die Verwobenheit von Care mit Macht- und Diskriminierungsstrukuren: Unterschiedliche gesellschaftliche Betroffenheiten zeigen sich im Alltag, in Körpern und Beziehungen. Freund*innenschaften können Orte sein, an denen wir diese Erfahrungen teilen, bearbeiten und gemeinsam tragen. Gerade in einer Zeit, in der neoliberale Logiken von Nutzen, Performance und Wachstum zunehmend alle Lebensbereiche prägen und in der mit KI neue Vorstellungen von Effizienz und Optimierung entstehen – brauchen wir Räume, in denen wir uns spüren und einfach sein dürfen. Freund*innenschaft kann damit eine politische Praxis der Fürsorge und Resilienz sein.

In einem weiteren Workshop widmeten wir uns dem betrieblichen und Community Organizing. Tashy vom Zentrum für transformatives Organizing verdeutlichte uns, dass es dabei nicht um große abstrakte Strategien geht, sondern um die vielen kleinen Schritte, aus denen Organisierung entsteht. Und die Frage: „Welche Menschen müssen wir bewegen, damit sich etwas bewegt?“. Eine zentrale Erkenntnis: Organizing hat viel mit Emotionen zu tun. Wenn wir nur abstrakt über politische Forderungen sprechen, können wir Distanz schaffen. Über gemeinsame Erfahrungen und Emotionen hingegen können wir uns verbinden.

Eine weitere Perspektive brachte Eva vom Haus des Wandels ein. In ihrem Workshop ging es um Sicherheitsaspekte von linken Projekten im ländlichen Raum und um die Frage, wie politische Akteur*innen dort handlungsfähig bleiben können. Ein wichtiger Ansatz war, ähnlich wie beim Organizing Workshop, Schlüsselpersonen in den Blick zu nehmen: Wer hat vor Ort Einfluss? Wer genießt Vertrauen und wer kann Positionen sichtbar machen und politische Auseinandersetzungen mittragen?

Unser Bildungswochenende brachte unterschiedliche Perspektiven auf Fürsorge, Arbeitskämpfe und Bündnisse zusammen. Es wurde deutlich, wie vielfältig Care-Arbeit ist und wie ähnlich die Erfahrungen von Abwertung, Überlastung und fehlender Finanzierung in ganz unterschiedlichen Bereichen sind.

Gleichzeitig erlebten wir an diesem Wochenende viele Momente von Solidarität und Widerstand. Wir diskutierten Strategien gegen Kürzungen und den Rechtsruck und sprachen darüber, wie feministische Vernetzung stärker und tragfähiger werden kann. Neben diesen Diskussionen verbanden wir uns durch gemeinsames Kochen und Essen, durch Spaziergänge und Basteln. Wir stärkten und verbündeten uns, um langfristig feministisch aktiv zu bleiben und gemeinsam für eine Gesellschaft einzustehen, in der Sorgearbeit nicht ausgebeutet, sondern solidarisch getragen wird.