Oftmals werden große Anstrengungen unternommen, uns technischen Fortschritt als ein neues Heilsversprechen zu verkaufen. Die Klimakrise? Ein Problem, für das es im Ingenieursland Deutschland vor allem (profitable) technische Lösungen gibt. Hier ein bisschen grüner Wasserstoff, dort ein bisschen CCS (carbon capture and storage) und den Rest lösen wir über Emissionshandel. Die Illusion herrscht vor, dass nicht unser wachstumsabhängiges Wirtschaftssystem das Problem ist, sondern dass es Lösungen für die Klimakrise innerhalb und aus der Logik dieses Wirtschaftssystems heraus geben kann. Dieser sogenannte Techsolutionismus (solution: engl. für Lösung) ist verbunden mit einem übermäßigen Techoptimismus: Technischen Lösungen wird viel mehr zugetraut als diese Technologien am Ende wahrscheinlich bieten. CCS ist zum Beispiel bei weitem nicht so sicher einsetzbar, wie es ökonomische Modelle in ihren Berechnungen vermuten lassen. Auch wird grüner Wasserstoff voraussichtlich ein teurer Luxuskraftstoff bleiben und nicht in der Breite einsetzbar sein.
Wenn man die Klimakrise nicht verleugnet und den dadurch notwendigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern akzeptiert, dann gibt es ganz offensichtlich nur eine sinnvolle Strategie: weniger zu verbrauchen und nach gesellschaftlichen statt technischen Lösungen zu suchen.
Wie kann Technik aussehen, die den Menschen dient?
Die Anfänge des Internets lassen eine Digitalisierung erahnen, die nicht von Profitinteressen (siehe GAMMA, also Google, Apple, Meta, Microsoft und Amazon) und staatlicher Überwachung (siehe Palantir) geprägt ist. Technik(-entwicklung), die menschliche Bedürfnisse ins Zentrum rückt, wäre vor allem von anderen Eigentumsverhältnissen, Technik-Mündigkeit und echter demokratischer Mitbestimmung gekennzeichnet. In unserem Buch Eine Vision für 2048 haben wir diese Anfänge weitergedacht und unsere Technik-Utopie folgendermaßen beschrieben:
Das Verhältnis von Mensch und Maschinen wird demokratisch ausgehandelt. Es gibt keine unnötige, nur dem Profit dienende Technikentwicklung und Digitalisierung mehr. Eine effektive Mechanisierung und Nutzung digitaler Dienste macht schwere körperliche Arbeit leichter, unterstützt Menschen in lebensnotwendigen Tätigkeiten und erhöht die Qualität von Produkten. Das heißt, nicht was wir tun, wird den Maschinen angepasst, sondern die Maschinen dem, was wir brauchen. Technik wird mithilfe partizipativer, praxisnaher Forschung gemeinsam mit denen entwickelt, die sie nutzen. Produktionsverfahren sind für alle transparent. Soft- und Hardware sind Open Source und damit anhand offener Standards von Nutzer*innen weiter entwickelbar. Ermöglicht wird dies durch dezentrale und selbstorganisierte Infrastrukturen. Es gibt keine proprietäre Software mehr, Patente sind abgeschafft. Alle können Technik selbstbestimmt und ohne Angst vor Ausspähung und Manipulation nutzen. Die meisten Geräte sind so konzipiert, dass sie ohne eine lange Ausbildung und ohne Zugang zu speziellen Ressourcen entwickelt und genutzt werden können. Sie können in lokalen Werkstätten von allen, die sich eingearbeitet haben, mitproduziert und repariert werden. Dies gilt sowohl für Konsumgüter als auch Produktionsmittel. Da Lowtech-Lösungen wie Fahrräder oder Solarthermie oft ressourcenschonender, einfacher verständlich und leichter reparierbar sind, werden sie vielfach eingesetzt. Nur in Bereichen, wo dies gesamtgesellschaftlich als notwendig erachtet wird, weichen wir davon ab und nutzen Hightech, zum Beispiel in manchen Bereichen der Medizin.
Aber wie kommen wir in diese bessere Welt – oder zumindest in ihre Nähe?
Die gesellschaftliche Funktion von Utopien ist es, uns Orientierung zu bieten – und keinen Masterplan. Es muss Raum bleiben für demokratische Aushandlung und Prozessoffenheit. In unseren Bausteinen für Klimagerechtigkeit haben wir jedoch einige der Schritte beschrieben, die unseren zukünftigen Handlungsspielraum vergrößern:
1.) Digitale Infrastrukturen in Anstalten öffentlichen Rechts übertragen
Digitale Infrastrukturen wurden global aufgebaut, dennoch sind sie physisch verortet. Um solche Infrastrukturen in Deutschland demokratisch zu verwalten, braucht es geeignete öffentliche Institutionen. Das physische Netz könnte einer Bundesanstalt zugewiesen werden, aber weitere digitale Infrastrukturen sollten kommunalisiert werden, indem sie in Städten und Gemeinden von einer Anstalt öffentlichen Rechts organisiert werden. Ähnlich wie bei der Versorgung mit Wasser und Energie sollten „Stadtwerke für Digitales“ allen Einwohner*innen den Zugang zum Netz bedürfnisorientiert anbieten. Das beinhaltet auch die Bereitstellung langlebiger Hardware und die Unterstützung der lokalen Gesellschaft beim Einsatz freier Software − zum Beispiel den Betrieb von Servern für die Plattform eines Fahrradkurier-Kollektivs oder die Einrichtung einer Online-Bibliothek für eine Schule. Solche Stadtwerke müssen genug Ressourcen und Kompetenzen haben, um unabhängig von privaten Unternehmen zu bleiben.
2.) Offene und sozial-ökologische Standards für digitale Infrastrukturen durchsetzen
Öffentliche digitale Infrastrukturen dürfen nicht wie in intransparenten und unregulierten Unternehmen gestaltet werden. Sowohl Hardware als auch Software – alles von Kabeln über Datenzentren bis hin zu Plattformdiensten – muss gesetzlich festgelegten, offenen Standards folgen, denn dies ermöglicht Transparenz und Mitgestaltung. Darüber hinaus müssen diese Standards sozialen und ökologischen Prinzipien Vorrang geben. Zum Beispiel sollten Datenzentren ressourcensparsame und langlebige Server benutzen und Plattformen Mechanismen gegen Ausbeutung und Diskriminierung einsetzen.
3.) Plattformen allgemeinen Interesses vergesellschaften
Obwohl eine Behörde die Netzneutralität gut sichern könnte, ist eine staatliche Kontrolle beispielsweise von Kommunikationsdiensten unerwünscht. Alle müssen in der Lage sein, einen Teil der öffentlichen Infrastrukturen über offene Schnittstellen zu betreiben − also Plattformen, die von Kommunikation bis hin zu Bestellungen alle alltagsrelevanten Dienstleistungen anbieten. Diese Form der Vergesellschaftung von unten können Kommunen dann fördern, indem sie sozial-ökologische Kriterien anlegen und gemeinwohlorientierte Dienste bevorzugen.
4.) Lokale Orte des Wissenstransfers und der Reparatur unterstützen
Um Menschen an der Gestaltung digitaler Infrastrukturen beteiligen zu können, braucht es Orte wie die Hackerspaces und Repair-Cafés, an denen technisches Wissen und Reparatur-Skills für alle zugänglich sind. Sie sollten als Teil einer lebendigen Zivilgesellschaft flächendeckend entstehen und müssen durch Finanzierung und die Bereitstellung von öffentlichen Räumen und Bildungsangeboten unterstützt werden.
Klingt super – wo kann ich anfangen?
All diese Dinge bekommen wir im Spätkapitalismus natürlich nicht geschenkt, wir müssen sie erkämpfen. Glücklicherweise gibt es in Deutschland eine große und etablierte Hackervereinigung, die man beim jährlichen Chaos Communication Congress kennenlernen kann. Hier ist man mit Anliegen rund um digitale Eigentumsverhältnisse, Technik-Mündigkeit und demokratische Mitbestimmung an der richtigen Stelle. Wenn man sich mehr für politische Arbeit im Bereich Digitalisierung und Nachhaltigkeit interessiert, ist vor allem das Netzwerk Bits&Bäume relevant, das sowohl Konferenzen organisiert als auch viele lokale Ortsgruppen hat. Dass der Kampf sich lohnt, zeigte zum Beispiel die Kampagne „Google Campus Verhindern“. Derzeit laufen Kampagnen gegen Tesla und Big Tech, die sich sicher über Unterstützung freuen. Und wem das zu viel ist, der kann immerhin die „Stoppt die Macht von Big Tech“-Petition von Campact unterstützen.
Zum Weiterlesen
Data Workers‘ Inquiry: Die versteckten Arbeitskräfte hinter der KI erzählen ihre Geschichten: https://netzpolitik.org/2024/data-workers-inquiry-die-versteckten-arbeitskraefte-hinter-der-ki-erzaehlen-ihre-geschichten/
Zukunft für alle
https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/publikation/zukunft-fuer-alle/
Bausteine für Klimagerechtigkeit
https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/publikation/bausteine-fuer-klimagerechtigkeit/
Chaos Communication Congress https://www.ccc.de/de/updates/2025/39c3-power-cycles
Bits& Bäume Netzwerk https://bits-und-baeume.org/diecommunity/
Google Campus Verhindern
https://www.tagesspiegel.de/berlin/kritik-an-google-absage-fatales-zeichen-4607524.html
Tesla den Hahn abdrehen https://t-den-hahn-abdrehen.org/
Stoppt die Macht von Big Tech
https://blog.campact.de/2025/03/stoppt-big-tech-soziale-medien-retten/
Die Bewegungskonferenz Cables of resistance https://cableresist.de/de/
Dieser Beitrag wurde im Rahmen der Kolumne „Zukunft für alle“ des philosophischen Wirtschaftsmagazin Agora42 veröffentlicht.