Cookies?

Wir würden Deinen Besuch gern in unsere Statistik aufnehmen. Du bleibst anonym und es wird kein Profil erstellt. Wenn Du ablehnst, beschränken wir uns auf das Abspeichern von Cookies und Daten, die unvermeidlich für das Funktionieren der Seite sind.

BNE, aber machtkritisch und emanzipatorisch

Bildungsarbeit mit Lehrer*innen und Multiplikator*innen

Ausgehend von Erfahrungen aus kollektiven Lernkontexten wird hier ein Ansatz der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vorgestellt, der im globalen Norden entwickelt wurde und kritisch reflektiert wird. Die Arbeit des Teams Transformative Bildung im Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V. in Leipzig [1] konzentriert sich u.a. auf die Weiterbildung von Lehrer*innen und Multiplikator*innen und beruft sich auf das Bildungsverständnis von Paulo Freirei [2].
Was ist der Vorschlag für eine transformative Bildung, die einen emanzipatorischen sozial-ökologischen Wandel unterstützt?

Rollen und Positionierung

Transformative Bildung ermöglicht es Lehrenden und Lernenden zu hinterfragen, was bereits etabliert ist – in diesem Fall insbesondere die nicht-nachhaltigen und/ oder imperialen Lebensweisen [3] des globalen Nordens. Damit einher geht auch, Menschen zu unterstützen und zu erkennen, welche Aspekte einer nicht-nachhaltigen/ imperialen Lebensweise sich nicht nur gesellschaftlich, sondern auch persönlich etabliert haben. Transformative Bildung ermöglicht also einen umfassenden Blick auf das Außen und das Innen. In diesem Sinne bezieht sich der Beitrag auf beide Dimensionen. Eine externe Dimension wäre z.B. das Bildungssystem, eine interne Dimension wären die Entscheidungen, die die Lernenden über die Inhalte ihres Lernens treffen können. Es werden auch weitere Beispiele angeführt, die helfen sollen, dieses Bildungskonzept besser zu verstehen.

Hinsichtlich der internen Dimension wird in einer der Überlegungen zur Rolle der Multiplikator*in auf die Notwendigkeit hingewiesen, nicht nur die Rolle der Wissensvermittler*innen zu erfüllen, sondern auch selbst fortwährend zu lernen. Wer andere beim Lernen unterstützen will, muss unbedingt lernen, wie das geht. Dies beinhaltet, dass Multiplikator*innen in der Lage sind, ihre Bildungsarbeit, die Methoden und Praktiken zu reflektieren und offen für entsprechende Veränderungen zu sein. [4] Voraussetzung dafür ist, dass die eigene Position in den Blick genommen wird, aus der Multiplikator*innen Bildungsarbeit tun. Es wird nicht nur hinterfragt, welche Art von Lehrmethoden, Lernen und Wissen den Lernenden vermittelt werden, sondern auch, wer die Person ist, die dies anbietet und wie sie sich in einem bestimmten Kontext positioniert. Wer ist die Person, die die Lernenden anspricht? – Multiplikator*innen können prinzipiell nach und nach alle relevanten Merkmale ihrer gesellschaftlichen Positionierung reflektieren: Sind sie etwa weiblich, nicht-binär oder männlich? Sind sie strukturell marginalisiert oder privilegiert? Arbeiten sie aus einer Perspektive mit oder ohne Migrationshintergrund etc.?

Für gesellschaftlichen Wandel ist es wichtig, dass Multiplikator*innen und Lehrende die eigene gesellschaftliche Positionierung in Bezug auf die eigene Bildungspraxis reflektieren und dies in ihr Handeln einbeziehen. Als Menschen, die Transformationsprozesse in einer Organisation, Gemeinschaft oder Gesellschaft vorantreiben, erleichtern oder leiten, werden sie zu Agent*innen des Wandels. Aus diesem Grund sind Lehrkräfte eine der Zielgruppen der transformativen Bildung.

Wie aber können Lehrer*innen und Multiplikator*innen von ihrem Handlungskontext aus einen emanzipatorischen sozialen Wandel unterstützen? Um diesen Gedanken weiter aufzuschlüsseln, wird, wie eingangs erwähnt, der Kontext des globalen Nordens mit konkreten Beispielen für Aspekte sozialer Ungleichheiten im globalen Norden herangezogen.

Transformation

Um den Kontext des globalen Nordens zu verstehen, wird dieser nicht als geografische Referenz definiert, sondern als politische Positionierung innerhalb globaler Macht-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen.

Es wird suggeriert, dass es notwendig ist, über einen Wandel nachzudenken oder ihn anzustreben – aber in welcher Hinsicht? Aus globaler Sicht gibt es verschiedene soziale und ökologische Situationen, die direkt auf die Notwendigkeit von Veränderungen hinweisen. Dazu gehören wirtschaftliche Praktiken, die Modelle der Ausbeutung und Unterdrückung reproduzieren, der Klimawandel und soziale Ungleichheiten, um nur einige Beispiele für eine externe Dimension zu nennen. Es handelt sich um Situationen, die bis zu einem gewissen Grad miteinander verknüpft sind und globale Auswirkungen haben, d.h. sowohl auf den globalen Norden als auch auf den globalen Süden.

Was ist notwendig, um eine gerechte gesellschaftliche Transformation zu ermöglichen und welche Alternativen führen zu Veränderungen? Um dies konkreter zu verstehen, wird eine Vorstellung anhand der folgenden Definitionen [5] und Beispiele aus einem formal-institutionellen Bildungskontext vorgenommen:

In diesem Beispiel geht es um eine Situation der Diskriminierung aufgrund der Sprache, des Migrationshintergrunds oder des Rassismus. Es wäre ein Transformationsprozess, Aktionen oder Räume der Bildungsarbeit zu schaffen, die sich der Tatsache bewusst sind, dass ein Bildungsmodell auf der Grundlage von Ungleichheit reproduziert wird, und die notwendigen Veränderungen herbeizuführen, damit diese Aktionen oder Bildungsräume wirklich fair sind.

Emanzipation von Machtverhältnissen

Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit werden die Machtverhältnisse immer wieder in Frage gestellt, so dass eine Kritik der Macht möglich wird. Ein eindeutiges Machtverhältnis wird durch einen einseitigen Wissensfluss bestimmt. Das Gleiche gilt für soziale Strukturen und Systeme, wenn zum Beispiel Schulen oder Bildungseinrichtungen auf die Vorgaben einer Regierung oder staatlichen Politik reagieren müssen.

In Anbetracht des Beispiels für den Prozess der Umwandlung sozialer Ungleichheiten ist es möglich, dass Lehrer*innen, die Schüler*innen mit einer Fremdsprache als Muttersprache in ihre Klasse aufnehmen, zunächst Frustration oder Verwirrung empfinden, wenn sie diese Sprache nicht beherrschen und aufgrund von Sprachbarrieren die Erwartungen und/ oder das Lernniveau dieser Schüler*innen nicht unterstützen (können). Es ist wichtig, dass Lehrer*innen in verschiedenen Bildungskontexten die nötige Unterstützung erhalten, um diese Schwierigkeiten aufzugreifen und zu überwinden. Für Lehrer*innen kann es nicht Aufgabe sein, politische Maßnahmen für Migration umzusetzen, aber sie können dennoch pädagogische Methoden in ihren Klassen anwenden, um Prozesse zur Inklusion und sozialer Eingliederung ihrer Schüler*innen zu begleiten.

Ausgehend von den Facetten der transformativen Bildung ist es möglich, Multiplikator*innen und Lehrer*innen dabei zu unterstützen, wie sie Transformationsprozesse in ihre Bildungsarbeit integrieren können. Räume konstruktiver Kritik und Reflexion helfen soziale Ungleichheiten zu identifizieren. Daraus lassen sich Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten ableiten.Diese Räume sind auch durch das Bildungsangebot des Globalen Lernens möglich, etwa dort, wo Bezüge hergestellt werden, die die unterschiedlichen Perspektiven aus einem gegebenen Kontext heraus hinterfragen oder bekannt machen. Es wird vorgeschlagen, Wissen oder Erfahrungen nicht zu verallgemeinern, wie es der Vorschlag des Universalismus [6] getan hat. Dies zeigt, wie wichtig es ist, Positionierungen sichtbar zu machen, von denen aus ein bestimmtes Wissen in einem bestimmten Kontext vermittelt und angewendet wird.

Es geht ums Handeln

Damit sind wir auf der Ebene des Strukturwandels angelangt. Eine Referenz im Kontext des Bildungssystems in Deutschland ist zum Beispiel die Umsetzung des vierten Ziels für nachhaltige Entwicklung Hochwertige Bildung.[7]

Doch wie lassen sich in diesem Fall die Begriffe Nachhaltigkeit und Entwicklung in einem Bildungskontext eines Industrielandes des Globalen Nordens verstehen?»Der Auf- und Ausbau von lokalen/regionalen Bildungslandschaften ist notwendig. […] hierbei ist darauf zu achten, dass es nicht um die Implementierung einzelner Maßnahmen, sondern um die Schaffung einer Partizipationskultur in Schule und Gesellschaft geht. Dafür bedarf es keiner vereinzelten Projekte, sondern einer strukturellen Verankerung im Lernort Schule«.[8]

Das Instrument Whole Institution Approach – Ansatz der Ganzheitlichkeit in den Institutionen kann dazu beitragen, besser zu verstehen, worin diese strukturellen Veränderungen bestehen, auch, indem die Umsetzung von Organisationsformen aus einer machtkritischen Perspektive für nachhaltige Institutionen überdacht wird. Dabei werden die Art und Weise, wie bestimmte Verkehrsformen (Fahrrad oder Auto, öffentliche Verkehrsmittel oder Individualverkehr) eingesetzt werden, das Abfallrecycling und die Ermöglichung nicht-hierarchischer Kommunikationsstrukturen zwischen den Mitgliedern einer Institution überdacht. Hier werden dann Rollen und Führungsstile nicht nur im Hinblick auf den Besitz von Wissen, sondern auch mit Blick auf eine integrative Beteiligung aller reflektiert und angepasst.

In diesem Sinne können also Schulen als Teil eines Bildungssystems, als Agenten des sozialen und ökologischen Wandels verstanden werden. Ihr Handlungsspielraum liegt einerseits auf der Gestaltung von physischen Strukturen, wie z.B. der Nutzung erneuerbarer Energien, und ebenso auf einer inhaltlichen und methodischen Ebene.

Als gutes Praxisbeispiel und zur Erläuterung einer Möglichkeit, kritische Machtprozesse in Institutionen zu implementieren, hat die Organisation Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V. eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit Fragen der Antidiskriminierung beschäftigt.[9] Sie organisiert und diskutiert den Umgang mit Situationen, Positionierungen, Konflikten und Bildungsarbeit, die für die Arbeit des Vereins relevant sind. Einige dieser Prozesse werden von externen Personen begleitet oder unterstützt, z.B. durch Supervisionen oder interne Fortbildungen zur Sensibilisierung im Bereich Diskriminierung. Dieser Prozess begleitet die Arbeit der Organisation seit Jahren und ermöglicht es den Mitarbeiter*innen, Formen des Wandels und/oder der Veränderung zu integrieren. Durch Sensibilisierungsgruppen für Menschen, die sich als weiß positionieren, und eine Gruppe für das Empowerment von Menschen mit Rassismuserfahrungen BiPoC (Black, Indigenous, People of Color) wird ein Raum für die Reflexion der eigenen Position geschaffen. Die internen Fortbildungen ermöglichen es, die verschiedenen Formen der Diskriminierung kennenzulernen und zu reflektieren.

Inspiriert von dieser Art von Prozessen hat das Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V. verschiedene Bildungsprojekte entwickelt und ist auch ein Bezugsrahmen für die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen.

Dieser Text wurde auf Spanisch geschrieben und ins Deutsche mit DeepL.com von Sulca Ariza übersetzt.

[1] Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V.: Transformative Bildung. Menschen motivieren, Wandel mitzugestalten. Leipzig, 2024. https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/themen/bildung/ [09.12.24].

[2] »Die Bildungspraxis ist nicht der einzige Weg zu dem sozialen Wandel, der für die Eroberung der Menschenrechte notwendig ist, aber ich glaube, dass es ohne Bildung niemals einen sozialen Wandel geben wird.« Freire, Paulo: Pedagogia de los sueños posibles. Por qué docentes y alumnos necesitan reinventarse en cada momento de la historia. Buenos Aires, Siglo XXI, 2015, P. 40. (Übersetzung: Teresa Arijón)

[3] »Das Konzept der imperialen Lebensweise verbindet Individuum, Wirtschaft und globale Probleme. Die imperiale Lebensweise ist imperial, weil sie bestimmten Gruppen einen übermäßigen Zugriff auf Arbeitskraft und Biosphäre weltweit ermöglicht und negative Folgen auslagert.« I.L.A. Kollektiv (Hrsg.): Auf Kosten Anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert. München, 2027, S. 7-8.

[4] Vgl. auch Freire, Paulo: Cartas a quien prentende enseñar. Buenos Aires, Siglo XXI, 2002.

[5] Siehe auch die Illustrationsserie Equity von Tony Ruth für den Tech Report 2019. Fundacion Adecc: Diferencias de los términos equidad, igualdad y justicia social. Blog diversidad inclusion, 2022. https://fundacionadecco.org/blog-diversidad-inclusion/diferencias-entre-equidad-igualdad-y-justicia-social/ [06.02.25].

[6] Vgl. auch Czollek, Max: Universalismus versus Identitätspolitik: Von einer falschen Gegenüberstellung. HEINRICH BÖLL STIFTUNG, 2021. https://www.boell.de/de/2021/11/12/universalismus-versus-identitaetspolitik-von-einer-falschen-gegenueberstellung [09.12.24].

[7] Engagement Global, 2024. Ziele für nachhaltige Entwicklung: „Ziele 4, Hochwertige Bildung“. (UNESCO). Deutschland. https://17ziele.de/ziele/4.html [09.12.24].

[8] Nationale Plattform BNE 2017: 38. Strukturell ist ein Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung umgesetzt worden, um Modelle nachhaltiger Entwicklung im deutschen Bildungssystem zu implementieren. Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2024. „Was ist BNE“. Bildung für Nachhaltige Entwicklung Portal. Deutschland. https://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/was-ist-bne/was-ist-bne_node.htmlhttps://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/was-ist-bne/was-ist-bne_node.html [09.12.24].

[9] Konzeptwerk Neue Ökonomie: Anti-Diskriminierung im Konzeptwerk. Leipzig, 2024. https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/ueber-uns/wie-wir-arbeiten/diskriminierung-und-privilegien/ [09.12.24].

Dieser Text wurde in der Fachzeitschrift „Standbein Spielbein“ in der Ausgabe 123 zum Thema „Klassentreffen: Schule und Museum im Dialog“ veröffentlicht.

Die Enshittification des Internets

Von digitalem Detox zu Technik Erschöpfung

Seit 20 Jahren sind zum ersten Mal die CD-Verkaufszahlen gestiegen. Nicht viel, aber sagt uns das trotzdem etwas? Der 24-stündige Ausfall der Plattform TikTok Anfang Januar hat bei Creator:innen und Nutzer:innen nachhaltig das Misstrauen gegen die gängigen Plattformen verfestigt. Vor allem Content Creators, deren Lebensunterhalt teilweise davon abhängig ist, überlegen sich natürlich, wie sie sich langfristig schützen können. .

Elizabeth Gilbert, die Autorin des Romans „Eat, Pray, Love“, erzählte schon letztes Jahr in einem Interview begeistert von ihrem Newsletter auf Substack. Sie sagt, sie fühlt sich auf Social Media nicht mehr wohl, vulnerabel zu sein und dass die Plattformen die Demokratie zerstören würden. Sie hätte es aber vermisst, mit ihren Leser:innen zu kommunizieren. Über ihren Newsletter geht das jetzt wieder ohne Hasskommentare.

Die Stimmung kippt: von Tech Optimismus zu Tech Erschöpfung

Die „Dead Internet Theory“ beschreibt tote Plattformen mit automatisch generierten Inhalten, auf denen nur noch Bots miteinander kommunizieren. Ursprünglich eine Verschwörungstheorie, die dem Internet einen Totenschein für das Jahr 2016 ausstellt hat und nun häufig genutzt wird, um zu beschreiben, dass Nutzer:innen sich aufgrund von Doomscrolling, Hasskommentaren, Spam und KI von den Plattformen zurückziehen. Also eher als unvermeidbare Konsequenz von Platformdesigns, die sich ausschließlich an kapitalistischen Interessen orientieren.

Cory Doctorow nennt dieses Phänomen „Enshittification“. Der Begriff beschreibt den Lebenszyklus digitaler Plattformen, bei denen zunächst das Nutzer:innenerlebnis im Vordergrund steht. Die Qualität nimmt aber schließlich aufgrund einer Verlagerung auf Monetarisierung und Gewinnmaximierung ab. Dies führt schließlich zur Unzufriedenheit der Nutzer:innen und zum Niedergang der Plattform.

Nostalgie und Rückbesinnung auf Spaß statt High Tech

Immer mehr Menschen wollen sich nicht mehr auf die Plattformen verlassen und sind auf der Suche nach dezentralisiertem Internet. Newsletter und Blogartikel bieten uns Gemeinschaft, eigenständiges Lernen und Kreativität. Anderseits sind offline Medien wieder en vogue, sie ersetzen das endlose swipen und scrollen und bieten uns Nostalgie, Kontrolle, Eigentum und Slow Media. Auch wenn der Trend noch nicht im Mainstream angekommen ist – er gibt uns einen Einblick auf das, was vielleicht kommt.

Deutschlands Schuldenberg in Kamerun

Reparationen gegen die Auswirkungen von Kolonialismus und Klimakrise

Reparationen können die Auswirkungen von Kolonialismus und Klimakrise bekämpfen

Während die Auswirkungen der Klimakrise in den Industrieländern zunehmend sichtbar werden, sind sie in vielen Teilen der Welt, insbesondere in Ländern des Globalen Südens, schon seit Langem bittere Realität. Die aktuelle Klimakrise ist eine unbestreitbare Tatsache und das direkte Ergebnis eines ökonomischen Systems, dass auf Plünderung und Versklavung während der Kolonialzeit, ökonomischer und ökologischer Ausbeutung sowie »Entwicklungspolitik« von Staaten wie Deutschland betrieben wird.

Auch wenn sie sich aufgrund von begrenzter »Entwicklungshilfe« heute »Geber-Staaten« nennen – die Länder des Globalen Nordens profitieren bis heute von der Ausbeutung der Ressourcen des Südens. Sie haben ein System der »Strukturanpassungspolitik« etabliert, dass angeblich dazu dient Länder aus ihrer Wirtschaftskrise herauszuführen. Die von Weltbank und internationalem Währungsfonds gegen Kredite auferlegten Programme bedeuteten vor allem ein Kahlschlag bei den Staatsausgaben: Sozialsysteme, Bildung, Gesundheit sowie Subventionen eigener Industrien sollten eingestrichen werden. Einnahmen gehen wiederum in die Rückzahlung der Schulden.

Davon profitierten vor allem die Unternehmen aus dem Globalen Norden, die weiterhin günstigen Zugang zu den Ressourcen aus dem Globalen Süden haben und gleichzeitig Absatzmärkte für ihre Produkte. Durch ungerechte Handelspraktiken und Unternehmensmacht sichern sich die Länder des Globalen Nordens ihre geopolitische Vorherrschaft ab. Die ungleiche globale Wirtschaftsstruktur bleibt durch solche Maßnahmen erhalten, inklusive der daraus resultierenden klimatischen und humanitären Notsituationen.

Ein Beispiel dafür ist Kamerun, von 1884-1916 eine deutsche Kolonie. In der deutschen Bevölkerung weitgehend unbekannt, war diese Zeit durch die systematische Brutalität der deutschen Kolonialherrschaft gekennzeichnet. Die Gewalt beschränkte sich nicht auf politische Unterdrückung, sondern erstreckte sich auf ein ganzes System wirtschaftlicher und ökologischer Ausbeutung unter völliger Missachtung der lokalen Bevölkerung und ihrer traditionellen Lebensweisen.

Die Kolonialverwaltung begann mit einer großflächigen Enteignung von Land, um dort eine exportorientierte Handels- und Plantagenwirtschaft aufzubauen. Es wurden kommerzielle Monokuluren wie Kakao, Tabak, oder Palmöl eingeführt, die verheerende Auswirkungen auf die Böden Kameruns hatten. Die rasche Ausdehnung der Plantagen, insbesondere im westlichen Hochland, hat zu verstärkter Bodenerosion und zum Verlust der biologischen Vielfalt geführt. Diese Probleme wurden durch nicht nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken wie Brandrodung und intensive Landrodung noch verschärft. Auch Wälder wurden im großen Maßstab für den Export nach Deutschland abgeholzt, was wiederum die Gefahr von Erdrutschen erhöhte. Solche Praktiken haben die lokalen Ökosysteme irreversibel verändert.

Der deutsche Kolonialismus hatte nicht nur ökologisch, sondern auch sozial verheerende Folgen. Die Enteignung ganzer Gemeinschaften und deren Ausschluss von ihren Ländern führte zu einer massiven Ungleichheit und der Ausbreitung von Armut. Auf den Plantagen von Gütern, die auf den Export ausgerichtet war, setzen die Deutschen auch systematisch Zwangsarbeit ein.

Bis heute hat die Kolonialherrschaft ihre Spuren in Kamerun hinterlassen. Das Land ist besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels und unfähig, die anhaltenden sozioökonomischen Ungleichheiten zu bekämpfen.

All diese Veränderungen haben die Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme gegenüber dem Klimawandel erheblich verringert und eine Umweltanfälligkeit geschaffen, die bis heute anhält.

Der Reichtum, der durch die Aneignung von Rohstoffen und Arbeitskraft entstand, floss zurück nach Deutschland und diente der kohlebasierten Industrialisierung. Diese hat dazu beigetragen, dass Deutschland heute weltweit an vierter Stelle der historischen Treibhausgasemissionen aus fossilen Brennstoffen steht – mit nur nur etwa ein Prozent der Weltbevölkerung.

Obwohl viele Länder des Globalen Nordens die größten historischen Verursacher des Klimawandels sind, trägt der Globale Süden die Hauptlast der Krise – mit dramatischen Folgen wie erzwungene Migration, Ernährungsunsicherheit und wirtschaftlichem Zusammenbruch. Die gegenwärtige Klimakrise lässt sich nicht lösen, ohne zuvor eine umfassende Schulden- und Gerechtigkeitsfrage zu klären. Es geht dabei nicht nur um fehlende finanzielle Mittel, sondern um die Auflösung eines Systems, das Länder des Globalen Südens durch Schulden in Abhängigkeit, Ungleichheit und extraktivistische Wirtschaftsstrukturen zwingt.

Die Antwort darauf sind Klimareparationen – nicht als bevormundende Entwicklungshilfe oder Almosten sondern als Instrument, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, um die illegitimen finanziellen Schulden des Südens gegenüber dem Norden zu beenden und den Ländern des Globalen Südens ihre wirtschaftliche und politische Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Bei Klimareparationen geht es um das Erkennen der strukturellen Ursachen und die Einleitung entsprechender Maßnahmen. Die strukturellen Wurzeln der aktuellen Krise müssen benannt werden: Kolonialismus und seine Kontinuitäten, auch Neokolonialismus genannt sowie die Klimaungerechtigkeit. Für die historische historischen Ursachen braucht es jedoch nicht nur eine Anerkennung, sondern auch eine Entschuldigung.

Doch bei der Anerkennung und der Entschuldigung kann es nicht bleiben – es entstehen daraus finanzielle und moralische Verpflichtungen, auch wenn jahrhundertelanges Leid nicht wieder gut gemacht werden kann. Es braucht rechtlich bindende Mechanismen, um den Kampf gegen den Klimawandel zu finanzieren, Verluste und Schäden zu kompensieren und Gerechtigkeit wiederherzustellen. Solche Maßnahmen sind schon seit längerer Zeit Teil der internationalen Klimaverhandlungen, doch deren Fonds sind notorisch unterfinanziert – bilaterale Optionen sind von daher notwendig.

Und zuletzt muss eine Wiederholung von Ungerechtigkeit verhindert werden. Das braucht eine grundlegende Überarbeitung des derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Systems. Das beginnt bei den Regeln des internationalen Handels und der Schuldenpolitik, beinhaltet aber auch Verpflichtungen vonseiten der Verursacher, die Dekarbonisierung rascher voranzubringen.

Nur so kann die (neo)koloniale Ausbeutung von Mensch und Natur beendet und eine gerechtere Verteilung von Macht und Ressourcen erreicht werden.

Erfahre mehr

April 2025 / Buch

Oumarou F. Mfochivé, Caro Rübe, Kai Kuhnhenn

Was Deutschland Kamerun schuldet

Über die Notwendigkeit von Klimareparationen

Warum koloniale Herrschaft und Klimazerstörung zusammen hängen und Klimagerechtigkeit, ohne eine konsequente Aufarbeitung der Vergangenheit, ein leeres Versprechen bleibt.

August 2024 / Buch

Oumarou F. Mfochivé, Matthias Schmelzer

Klimaschulden und Reparationen

Bausteine für Klimagerechtigkeit

Schuldenstrich für Länder des Globalen Südens und Reparations­zahlungen für die vom Globalen Norden verursachte Klimakatastrophe – Jetzt!

Chaos als Hoffnung

Flügelschläge und Bingokarten

Flügelschläge und Bingokarten

Ich bin mit einem Vorsatz in das neue Jahr gestartet: Ich möchte akzeptieren, dass es immer mindestens 10% Chaos in meinem Leben gibt. Ordnung ist für mich und viele andere Menschen ein wichtiger Teil der Psychohygiene. Chaos sorgt bei uns Menschen oft für Verunsicherung und Angst. Das machen sich rechte Kräfte leider zunutze, um progressive soziale Bewegungen zu bremsen. Wenn wir Angst haben und gelähmt sind, können wir uns nicht wehren, geschweige denn uns kreative Lösungen ausdenken für die Herausforderungen unserer Zeit. So wird die Krise als Symptom unseres Systems gleichzeitig zu dessen Selbsterhaltung. Dem müssen wir aber nicht ausgesetzt sein. Der Versuch, Chaos komplett zu verhindern, ist zum Scheitern verurteilt. Wie also können wir einen resilienten Umgang mit Chaos finden oder unsere Perspektive darauf ändern?

In der mathematischen Physik, genauer der Dynamik, ist die sogenannte Chaosforschung verortet. Sie beschreibt eine Theorie, in der bei Prozessen mit unvorhersehbarem Ausgang der Zusammenhang von Ursache und Wirkung erforscht wird. Die erforschten Phänomene erstrecken sich dabei über den Bereich der Physik hinaus und finden auch Anwendung in der Medizin oder der Meteorologie, sogar in Bereichen wie der Konjunkturforschung, der Nachrichtenforschung oder der Psychologie. Ein besonders populäres Phänomen ist dabei die „Schmetterlingstheorie“. Sie beschreibt die Sensitivität nichtlinearer Systeme. Oder griffiger formuliert und daher oft zitiert: „Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen“. Es geht hierbei keineswegs um Zufall oder Schicksal. Die Vorstellung, dass ein Flügelschlag überhaupt irgendetwas auslösen könnte, geschweige denn eine Folge im Ausmaß eines Tornados, mag uns absurd vorkommen. Ein und dasselbe Ereignis wäre in der Tat völlig unerheblich, wenn das System stabil wäre. Wir wissen aber, dass Waldbrände allein durch den kleinsten Funken ausgelöst werden können. Allerdings nur, wenn der Wald in einem trockenen Zustand ist. Der allgemeine Zustand muss also sensitiv beziehungsweise instabil sein!

Die Schmetterlingstheorie besagt außerdem, dass eine unendliche Präzision notwendig wäre, um vom Flügelschlag ausgehend vorhersagen zu können, wie das System reagiert. Das ist ungefähr so unmöglich wie Börsengänge, Tiktok Trends oder das Wetter langfristig zu prophezeien. Und doch holen ein paar zu selbstbewusste Analytiker*innen immer mal gerne die Glaskugel raus und sind sich ganz sicher, dass ab der nächsten Wahl der Faschismus regiert, die Klimaapokalypse unabwendbar ist oder morgen diesmal wirklich die Welt untergeht. Sie übersehen, dass diese Vorhersagen selbst Flügelschläge sind, die zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden können. Denn sie lösen potentiell Verhaltensweisen aus, die den prophezeiten Zukünften in die Hände spielen. Wagen wir einen Blick in die Meme-Kultur, fällt uns auf, dass seit ein paar Jahren immer häufiger die Formulierung „Das stand nicht auf meiner Bingo-Karte für 20xx“ genutzt wird, um zu verdeutlichen, wie überraschend öffentliche Ereignisse oft sind. Wenn das Wetter nicht länger zuverlässig prognostizierbar ist als für drei Tage, wie sollen wir dann langfristige politische und gesellschaftliche Entwicklungen vorhersagen?

Was können wir von der Chaosforschung lernen, wenn wir eine Welt frei von Machtstrukturen schaffen wollen? Mit dieser Aufgabe fühlen wir uns oft überfordert. Wir wissen, dass aufgrund von Globalisierung die meisten Krisen nur global zu bewältigen sind. Unser Gesellschaftssystem ist von immer schneller aufeinanderfolgenden multiplen Krisen geprägt und somit nicht gerade mit Stabilität gesegnet. Das muss aber kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Ein instabiles System heißt, dass jede kleine Tat das Potential hat einen großen Effekt zur Folge zu haben. Außerdem: Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen kann, so kann er auch den Effekt haben, ihn zu verhindern.

So oder so, Instabilität beziehungsweise Chaos ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass Neues entstehen kann. Nur wenn lineare Prozesse unterbrochen werden, wenn die Atome sich nicht für immer an ihren berechenbaren Platz begeben, kann Evolution stattfinden. Kurz: Chaos schafft Möglichkeitsräume. Chaos als Teil geordneter Prozesse zu akzeptieren, soll keinesfalls ein Plädoyer dafür sein, das Leid auf der Welt als notwendiges Übel anzunehmen oder sich der Ohnmacht hinzugeben. Im Gegenteil: Alle Akteure im politischen Wandel – seien es Journalist*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen oder Künstler*innen – können mit ihrem kleinen Anteil etwas auslösen, das – ganz bescheiden gesagt – die Welt, wie wir sie kennen, grundlegend verändert. Das ist keine naive Hoffnung, sondern Mut an die Möglichkeit zu glauben, dass eine gerechtere Welt möglich ist und dass wir einen echten Teil dazu beitragen können.

Das Geschäft mit der Pflege

Globale Sorgeketten und Profitmaximierung

Fast jeder Mensch wird eines Tages alt. Und so ziemlich alles in unserem aktuellen Rentenmodell wird durch den demografischen Wandel hin zu einer alternden Bevölkerung in Frage gestellt. Wir haben nicht nur mehr Kontrolle darüber, ob und wann wir Kinder haben wollen, sondern leben dank des medizinischen Fortschritts länger als früher. Dies führt zu einem beispiellosen demographischen Wandel, bei dem eine viel größere ältere Bevölkerung auf die Beiträge einer kleineren Erwerbsbevölkerung angewiesen ist. Dies stellt nicht nur die Finanzierung des deutschen Sozialversicherungssystems in Frage, sondern auch einen großen Teil der Wirtschaft, die von der Erwerbsbevölkerung abhängt. Verschärft wird das Problem dadurch, dass wir, obwohl wir länger leben, nicht unbedingt gesünder leben. Krankheiten wie Demenz nehmen zu und die wachsende soziale Ungleichheit trägt dazu bei, dass Menschen mit geringerem Einkommen einen schlechteren Gesundheitszustand haben.

Technologische Innovationen werden vorrangig als Lösung dieser gesellschaftlichen Herausforderungen diskutiert. Zugleich wäre jetzt die Möglichkeit sich grundlegende Fragen zu stellen und Lösungen zu diskutieren: Wie könnte eine Gesellschaft und Wirtschaft aussehen, die auf Pflege, insbesondere auf Altenpflege, ausgerichtet ist?

Globale Sorgeketten in der Altenpflege

Die Altenpflege in Deutschland ist, wie in den meisten Teilen Westeuropas, größtenteils auf weibliche, migrantische Arbeitskräfte angewiesen. Mitteleuropäische Pflegekräfte pendeln für ihre Jobs zwischen Deutschland und ihrem Heimatland. Die Arbeitsbedingungen sind zum Teil sehr prekär. Staatlich aufgesetzte Programme, wie das „Triple Win“-Programm der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) rekrutieren Pflegekräfte aus Ländern wie Tunesien und den Philippinen. Dies lindere nicht nur den Mangel an Pflegekräften in Deutschland, sondern trage auch indirekt zur Stärkung der Wirtschaft in den Herkunftsländern bei. Oftmals schicken Pflegekräfte einen Teil ihres Lohns nach Hause. Zusätzlich entlaste das Programm ein angebliches Überangebot von Pflegekräften auf den Arbeitsmärkten der Entsendeländern.

Jedoch ist das „Triple Win“- Programm auf die Ungleichheit zwischen diesen Ländern und Deutschland angewiesen, sonst gäbe es keinen Grund für die Pflegekraft nach Deutschland zu kommen. Es besteht ein Interessenkonflikt zwischen dem Versorgungsbedarf Deutschlands und der Entwicklung dieser Länder. Schon jetzt entscheiden sich immer weniger Pflegekräfte für eine Arbeit in Deutschland, weil sie das Gefühl haben, dort nicht ausreichend entlohnt zu werden, da der Beruf neben der Qualifizierung auch den Erwerb einer Fremdsprache erfordert.

Altenpflege in Deutschland ist damit vergleichbar mit einer Art Lieferkette. In den öffentlichen Debatten geht es vordergründig um den Fachkräftemangel. Weniger diskutiert ist, warum Pflege ein unattraktiver Beruf ist. Bleiben Pflegeberufe unattraktiv, dann verknappt sich das Angebot bei einem steigenden Bedarf immer weiter. Dies hat zur Folge, dass die Kosten steigen und man sich Pflege immer weniger leisten kann, egal wie hoch die Rente ist. Außerdem verschiebt sich noch mehr ins Private, wo auch wieder vor allem FLINTA*s die unbezahlte Sorgearbeit übernehmen.

Nach Bedürfnissen pflegen anstatt nach Profit

Die Planung von Pflegeleistungen bei älteren Menschen ist kompliziert, da sie weniger vorhersehbar ist. Kinder haben oft ähnliche Entwicklungsschritte, aber Menschen altern in völlig unterschiedlichen Zeiträumen. Eine 80-Jährige Person kann total fit sein, eine 60-Jährige braucht bereits schon viel Unterstützung. Diese Unterschiede führen dazu, dass die Altenpflege einen hohen Grad an Personalisierung erfordert.

Nehmen wir nun an, ein*e Patient*in möchte nicht seine*ihre gewohnte Pflegeroutine beibehalten. Soll die pflegende Person die Wünsche ignorieren oder die Routine anpassen? Und wenn die Routine angepasst wird, wie wird sie dann dokumentiert und passt sie in die vordefinierten Kategorien des Abrechnungssystems? Aus Gründen der Preiseffizienz und Transparenz werden Pflegemaßnahmen nach bestimmten Normen festgelegt. Abweichungen von diesen Normen sind schwierig zu berücksichtigen, da der Spielraum der Pfleger*innen für individuelle Entscheidungen eingeschränkt ist. Dies ist insbesondere bei Demenz der Fall, bei der die emotionale Belastung unbeständig und ebenso lähmend sein kann wie die körperlichen Einschränkungen selbst. Darüber hinaus stellt Demenz als Abweichung von neurologischen und intellektuellen Normen eine besondere Herausforderung für technologische Entwicklungen dar, die bei ihrer Gestaltung bestimmte normative Annahmen mit sich bringen.

Angesichts abweichender Bedürfnisse in der Altenpflege kann die Bereitstellung dieser Dienste durch den Capabilities Approach verbessert werden. Im Gegensatz zu einem System, in dem der Zugang zu Pflege auf Beiträgen basiert, erkennt der Capabilities Approach an, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, um ein Mindestmaß an Wohlbefinden zu erreichen, und weist Ressourcen auf der Grundlage dieser Bedürfnisse zu.

Was kommt nach dem Beitragsmodell?

Zweifellos wirft die Abkehr von einem Beitragsmodell Fragen auf, wie man ein solches System finanzieren kann. Der Capabilities Approach kann kostspielig sein; weil er auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingeht und deshalb noch mehr Pflegekräfte braucht. Eine Anhebung der Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen könnten jedoch mehr Pflegekräfte anziehen und zu gezielten finanziellen Verbesserungen für einige der finanziell schwächeren Teile der Bevölkerung führen, nämlich für FLINTAs*-. Diese leisten traditionell einen Großteil der unbezahlten Pflegearbeit, was zu niedrigeren Rentenbeiträgen und somit zu einem geringeren Zugang zu Leistungen im Alter führt.

Es wird derzeit viel Geld für die Altenpflege ausgegeben in Deutschland, und die deutsche Regierung gewährt je nach Pflegestufe Zuschüsse. Investor*innen sehen im Pflegebedarf eine Geschäftsmöglichkeit. Es gibt immer mehr private Altenpflegeheimketten. Altenpflegeheime werden von einigen Immobilien und Private-Equity-Firmen als eines der vielversprechendsten Investitionsobjekte angesehen, da der Markt mit einer alternden Bevölkerung nahezu garantiert ist. Um die Gewinne zu steigern, werden die Arbeitskosten häufig durch die Reduzierung der vertraglich angestellten Pflegekräfte erwirtschaftet, was zu erdrückend schlechten Arbeitsbedingungen führt. Obwohl Tarifverhandlungen die Löhne der Pflegekräfte erhöht haben, kann dies den Druck des Personalmangels nicht mindern. Zudem geben die Unternehmen einen Großteil dieser Erhöhung an die Pflegebedürftigen oder ihre Familienangehörige weiter, um ihre Profite konstant zu halten bzw. zu steigern. Dies schränkt den Zugang zu Pflege nach Einkommen ein und wirkt sich in Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs zusätzlich negativ aus.

Im Gegensatz dazu können öffentliche Investitionen in Pflegestrukturen in öffentlicher Hand mehr Pflegekräfte einstellen und vermeiden, dass die Kosten auf den Einzelnen abgewälzt werden. Dadurch wird sichergestellt, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Einkommen Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Pflege haben, und externe Kosten, wie z. B. die emotionale Belastung von Familienmitgliedern, die derzeit nur unzureichend berücksichtigt werden, werden reduziert. Mehr besser bezahlte Arbeitskräfte bedeuten eine resilientere Bevölkerung, die weniger von staatlichen Leistungen wie Bürgergeld abhängig ist und die in der Lage ist, sowohl Geld auszugeben als auch in die lokale Wirtschaft zu investieren. Die Arbeitskräfte sind so auch besser in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern, was nach den Grundsätzen der Präventivmedizin den allgemeinen Pflegebedarf und die Kosten in der Zukunft senken kann. Ohne den Druck, die Einnahmen in Richtung der Gewinne privater Investoren zu lenken, besteht sogar die Möglichkeit, dass solche Strukturen in öffentlichem Besitz auf lange Sicht sich selbsttragende Gemeinschaften schaffen können. Und was noch wichtiger ist: Es wird den Menschen helfen, ein Leben in Wohlstand und Würde zu führen.

Foto: Anna Shvets via Pexels

© 2025. This work is openly licensed via CC BY-NC 4.0 DEED

Ein Tag voller Community und Care in Leipzig

Stadt-Spaziergang und Live-Podcast mit Care-Gerechtigkeitsinitiativen

Am 31. Januar an einem kalten, sonnigen Freitagnachmittag versammelte sich eine Gruppe von 30 Menschen im Leipziger Osten zu einem Tag, der ganz im Zeichen von Care und Gemeinschaft stand. Das Programm bestand aus zwei Veranstaltungen: dem Care Spaziergang, einem Rundgang zu drei lokalen Initiativen, und einem abendlichen Live-Podcast von Danke für nichts und Kein Ding, der sich mit Strategien, Visionen und Wünschen für Sorgegerechtigkeit befasste.

Care-Spaziergang durch den Leipziger Osten

Der Tag begann im Seniorenbüro Inge & Walter, einem unscheinbaren, aber einladenden Ort in der Eisenbahnstraße. Trotz seines Namens ist das Seniorenbüro nicht nur für ältere Menschen gedacht – es ist ein generationenübergreifender Treffpunkt, an dem Menschen zusammenkommen können, z.B. um an Aktivitäten teilzunehmen. Es gibt Beratungsangebote für seniorenrelevanten Fragen, einen Reparaturservice, Kunst- und Internetkurse sowie organisierte Ausflüge, sei es eine Fahrradtour, um die Region zu erkunden oder ein gemeinsamer Spaziergang, um nahöstliche Restaurants und Geschäfte im Viertel zu entdecken. Außerdem gibt es eine regelmäßige Quartiersmanagement-Sprechstunde, die es allen ermöglicht an der Gestaltung des Viertels mitzuwirken. Als das Gespräch mit den Mitarbeitenden des Seniorenbüros zu Ende ging, begann ein älterer Mann, der ruhig am Klavier gesessen hatte, plötzlich zu spielen und verabschiedete die Gruppe musikalisch, als sie zur nächsten Station weiterging.

Die zweite Station führte die Gruppe in die Poliklinik. Die Poliklinik betrachtet Gesundheit als ein soziales Thema und erkennt den engen Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und wirtschaftlichen Bedingungen. Vertreter*innen sprachen über ihre Beratungsdienste, die von psychologischer Unterstützung bis hin zu Rechtshilfe reichen, und über CABL e.V. , eine ehrenamtlich geführte Initiative, die anonyme medizinische Versorgung für Menschen ohne Versicherung anbietet. Viele ihrer Patient*innen sind obdachlos, und ein mobiler Gesundheitsdienst ermöglicht es ihnen, diejenigen zu erreichen, die nicht selbst in die Klinik kommen können.

Der letzte Halt führte die Gruppe zurück in die Eisenbahnstraße zum Lila OFU (Ort für Uns), einem feministischen Raum, der sich der Gemeinschaftsbildung und dem Aktivismus widmet. Die Organisator*innen erzählten von ihrer Vision, ein einladendes Umfeld zu schaffen, in dem feministische Bewegungen gedeihen können. Zum Abschluss der Veranstaltung versammelten sich alle zu einem warmen, veganen Abendessen – eine Gelegenheit, zu reflektieren, Kontakte zu knüpfen und sich auf die Diskussionen des Abends vorzubereiten.

Live-Podcast: Care & Solidarität ins Zentrum

März 2025 / Podcast

Chris Neuffer, Maxi Ziegler

#12 Wege in die Sorgende Stadt.

Mit der Poliklinik, Eisi für alle & AuPair Repair

Welche Infrastrukturen braucht es in der Sorgenden Stadt? Was heißt ganz konkret die Sorgebedürfnisse aller Menschen in den Mittelpunkt zu rücken? Und wie müsste Care-Arbeit, die aktuell ausgebeutet und schlecht bezahlt wird, darin anders organisiert werden?

Im Laufe des Abends verlagerte sich das Publikum ins Ostpassage Theater, wo sich um 19 Uhr die Türen für den mit Spannung erwarteten Live-Podcast von Danke Für Nichts und Kein Ding öffneten. Die Moderator*innen Chris und Maxi beleuchteten die vielfältigen Realitäten von Care-Arbeit und betonten, wie wichtig es ist, diese oft unsichtbare Arbeit anzuerkennen und zu würdigen. Vor einem vollen Haus mit rund 100 Gäst*innen sprachen sie mit Mai von der Poliklinik, Alina von Eisi für alle, einer Initiative, die sich dafür einsetzt, dass die Eisenbahnstraße ein sicherer, solidarischer Ort für alle bleibt, und Eli von AuPair-Repair. AuPair-Repair ist eine selbstorganisierte Gruppe von Au Pairs in Österreich, die sich für die Arbeitsrechte von Migrant*innen, meist FLINTA*, in der häuslichen Kinderbetreuung einsetzen. Gemeinsam überlegten und diskutierten sie, welche Infrastrukturen eine sorgende Stadt braucht, wie die Sorgebedürfnisse der Menschen erfüllt werden können und wie wir Care-Arbeit gerechter organisieren können. Die Folge kann hier nachgehört werden.

Gemeinsam feministisch organisiert

Von den Geschichten, die auf dem Rundgang erzählt wurden, bis hin zu den anregenden Diskussionen beim Podcast, zeigte der Tag die vielen Möglichkeiten, wie sich Fürsorge in einer Gemeinschaft ausdrückt. Ob durch medizinische Hilfe, feministische Organisation oder Nachbarschaftssolidarität, die besuchten und diskutierten Initiativen streben alle danach, ein gerechteres und vernetzteres Leipzig aufzubauen. Als der Abend zu Ende ging, war klar: Care-Arbeit ist nicht nur eine individuelle Verantwortung – sie ist eine kollektive Praxis. Und gemeinsam ins Träumen kommen, wie wir uns in einer sorgenden Stadt wieder treffen, gibt Kraft und Motivation für die anstehenden politischen Kämpfe.

Care-Arbeit für globale Gerechtigkeit und Solidarität

Herausforderungen von Geschlechtervielfalt am Beispiel der SDGs

Dieser Text zeigt anhand des Beispiels der indigenen Chagreras (Bäuerinnen) in den indigenen Gemeinden von AATICAM, Kolumbien, wie globale Gerechtigkeit und Care miteinander verbunden sind. Er ist aus einer nicht-akademischen Perspektive und Erfahrung geschrieben, mit einer kritischen Haltung zu Macht und insbesondere zu Rassismus. Er ist aus der Perspektive einer migrantischen cis-hetero Frau mit Migrationshintergrund aus dem globalen Süden im globalen Norden lebend geschrieben. Er hat die Absicht, verschiedene Formen sozialer Ungleichheiten sichtbar zu machen, zu identifizieren und zu benennen. Und er möchte das Bewusstsein für Wege in eine globale Gerechtigkeit schärfen!

Globale Perspektive

Um aus einer globalen Perspektive zu sprechen, ist es wichtig klarzustellen, dass es sich hier um eine plurale Position handelt. In diesem Fall von „Feminismen“ im Plural. Dies erkennt an, dass es nicht nur eine einzige Strömung oder Aktionsform gibt, sondern mehrere. Einige sind aktiv, andere inaktiv. Weitere reagieren auf soziale Veränderungen, leisten Widerstand oder haben sich mit den etablierten Machtstrukturen verbunden.

Eine globale Perspektive verweist auf verschiedene Identitäten und Positionen, die eine globale Solidarität fordern. Dafür ist es notwendig sich zwischen den Dynamiken zu bewegen, die von Positionen wie dem globalen Norden und dem globalen Süden präsentiert werden. Bei dieser Kategorisierung handelt es sich nicht um eine geografische Einteilung, sondern um einen historischen Hintergrund. Dabei werden immer Positionen zwischen Macht und Unterdrückung eingenommen: Unterdrücker – Unterdrückte, Kolonisierte – Kolonisatoren.

Aus dieser globalen Perspektive ist es noch komplexer, geschlechtliche Identitäten oder sexuelle Orientierungen herzustellen, ohne hegemoniale Machtverhältnisse und Strukturen zu reproduzieren. Bislang wird der „Mainstream“ von denjenigen definiert, die das Privileg haben, sich selbst zu benennen und zu positionieren, sowie andere zu benennen und zu positionieren. Die globale Perspektive zeigt auf, dass Heteronormativität eine Strategie oder ein Werkzeug der hegemonialen Macht des Kolonialismus ist und war.

Im Falle einer geschlechtergerechten Perspektive ist es wichtig, die verschiedenen Positionen und Ausrichtungen sowie den Pluralismus einzubeziehen. Denn je nach Kontext, Territorium oder Gemeinschaft werden sie als Identitäten bestimmt und anerkannt.

So bezieht sich der Begriff „Frau“ oder „Frauen“ beispielsweise auf eine Person oder eine Personengruppe, die sich selbst als weiblich bezeichnen, sowie auf „Mädchen“ im Falle von Minderjährigen. Ohne seine Berechtigung in Frage zu stellen [1].
Für die verschiedenen Identitäten gibt es folgende Beispiele:

Aus einer dekolonialen Perspektive gibt es Möglichkeiten, sich selbst zu positionieren oder auszusuchen, wer man ist und sich in verschiedenen Orientierungen zu erkennen. Dies wirft jedoch die Frage auf, inwieweit es aus einer globalen Perspektive zu einem Privileg wird, sich in einer nicht-binären Geschlechtsorientierung zu positionieren?

Herausforderungen von Geschlechtervielfalt am Beispiel der Ziele für Nachhaltige Entwicklung

Leider bleibt das Patriarchat ein gemeinsamer Nenner als globaler Beherrscher der Unterdrückung und der Unterdrückten, der immer noch seine Macht ausübt und reproduziert. Der Feminismus in seiner Pluralität und Vielfalt ist eine Antwort auf emanzipatorisches Handeln und globale Ermächtigungsprozesse, der Gerechtigkeit einfordert!

In vielen Ländern ist Nicht-Binarität illegal. Gesetzlich wird an der heteronormativen Zwei-Geschlechterordnung festgehalten. Internationale Aktionspläne oder Programme, wie beispielsweise die SDGs (Ziele für Nachhaltige Entwicklung) [5] zielen darauf ab, geschlechtliche Diskriminierung abzubauen, bleiben jedoch in einer binären Geschlechterordnung verhaftet. Damit stellen sie ihre Ressourcen nur einem Teil ihrer Zielgruppen zu Verfügung und beschränken oder gefährden jene sogar.

Die folgenden Beispiele zeigen Formen der expliziten Diskriminierung, dargestellt durch eine weibliche Positionierung. Andere geschlechtliche Orientierungen sind nicht berücksichtigt. Es ist durchaus möglich, dass in dieser Statistik auch andere Formen der geschlechtlichen Orientierung und Positionierung enthalten sind. Es gibt jedoch immer noch Länder in dieser Liste, in denen nicht-binäre Formen der geschlechtlichen Orientierung kriminalisiert werden, was durch die jeweiligen Rechtssysteme und Regierungsformen erfolgt. Aus diesem Grund ist es notwendig, eine Ernennung aus dieser „Legalität“ oder „Legitimität“ heraus vorzunehmen, um die Integrität der verschiedenen Menschen nicht zu gefährden.

Gemäß dem Ziel 5 „Gleichstellung der Geschlechter“ der SDGs wird folgendes Unterziel auf globaler Ebene formuliert [6]: “Alle Formen der Diskriminierung von Frauen und Mädchen überall auf der Welt beenden.
Jedoch zeigen weltweit diskriminierende Gesetze gegen Frauen eine andere Realität:

Offensichtlich sind alle nicht-binären Identitäten von den Zahlen ausgeschlossen, was die Zahlen und Fälle von Diskriminierung weiter erhöht. Es ist daher ein Privileg gesellschaftlich, strukturell und systematisch benannt, anerkannt und einbezogen zu werden, ohne die körperliche und geistige Unversehrtheit derjenigen zu gefährden, die dazu in der Lage sind. Es stellt aber auch in Frage, was global legitim ist, und zeigt die große Kluft der sozialen Ungleichheit für unterschiedliche Menschen auf. Gerechtigkeit!

Widerstand und Solidarität
In westlichen Gendertheorien „wurde der Feminismus weiß und bürgerlich geboren” [7]. Er ist hauptsächlich von weißen, privilegierten Menschen aus dem globalen Norden entwickelt worden. Als Gegenreaktion gibt es einen großen emanzipatorischen Widerstand aus der antirassistischen und dekolonialen Haltung von BiPoC-Personen (Schwarze, indigene Menschen und People of Color). Bevor sie einen emanzipatorischen Prozess von ihren Geschlechtsidentitäten etablieren können, müssen sie sich gegen die doppelte Unterdrückung durch Patriarchat und Kolonialismus wehren.

Die begleitende Fotoserie zeigt eine Form des Widerstands durch die Aktionen indigener Chagreras (Bäuerinnen), Mitglieder indigener Gemeinschaften in der Region des indigenen resguardo (Schutzgebiet) von AATICAM im Südwesten Kolumbiens. Dieses Beispiel steht für einen sogenannten „Community Feminismus“. Dieser beschreibt eine dekoloniale Vision von Geschlechtervielfalt, in der der Feminismus nicht nur auf das Weibliche anspielt, sondern auf alle Diversitäten, die vor der Kolonisierung bestanden. Und er beschreibt, dass Gemeinschaften eine Praxis der sozialen Bewegung sind.

Die Fotoserie zeigt den Zubereitungsprozess des „Chicha brava“ mit Maniok. Maniok ist eine Knolle, die im Regenwaldgebiet des Amazonas leicht gesät, angebaut und kultiviert werden kann. Ohne spezielle Zubereitung ist diese Knolle für den menschlichen Verzehr giftig, schädlich und tödlich. Durch die Zubereitung mit dem überlieferten Wissen der indigenen Frauen wird der hohe Gehalt an Zyanid reduziert, so dass es für den menschlichen Verzehr geeignet ist.

Dieses Getränk hat nicht nur ein großes Nährwertpotenzial, sondern auch heilende Eigenschaften und wird für spirituelle und kulturelle Feiern verwendet. Gegen die Symptome des COVID19 Virus wird ihm eine heilende Wirkung bescheinigt.

Dieses Wissen und Know-how wird seit Tausenden von Jahren von den Vorfahren weitergegeben, und zwar aus der Perspektive der Geschlechter. Es sind die einheimischen Frauen, die Zugang zu diesem Wissen haben, es erlernen, anwenden und an andere Generationen weitergeben. Generationsübergreifend, von den Großmüttern bis zu den Mädchen.

In ihrem Tätigsein tragen die indigenen Chagreras (Bäuerinnen) zu globaler und ökologischer Gerechtigkeit bei. Sie tragen einen Teil der Verantwortung für die Ernährungssouveränität ihrer Gemeinden, die durch Care-Arbeiten wie das Pflanzen, Pflegen und Kultivieren einer Vielzahl von Knollen und Früchten in der Chagra erbracht werden [9]. Wenn diese Aktivität in großem Maßstab durchgeführt werden, könnten sie als ein Beitrag zur Renaturierung des Amazonas-Regenwaldes aus seinen angestammten Praktiken heraus gesehen und verstanden werden.

Das Amazonasgebiet als Ökosystem trägt einen wesentlichen Teil für das ökologische Wohlbefinden des Planeten bei. Die Handlungen der indigener Bäuerinnen tragen zur Erhaltung, zum Schutz und zum Wachstum dieses Ökosystems bei. Gleichzeitig garantieren sie die Ernährungssouveränität der Völker (Gemeinschaften), die Weitergabe des überlieferten Wissens und die Selbstverwaltung ihrer Territorien.

Das Anbausystem funktioniert im harmonischen Einklang mit den Zeiten und Zyklen der Natur und ihrer spirituell-antiken Vision. Aktuell ist es verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt. Legale und illegalen Abholzungen, Umweltverschmutzung und die Umweltveränderungen aufgrund des Klimawandels machen dem Anbausystems zu schaffen. Die Zyklen von Regen und Dürre verändern sich.

Während die Länder des globalen Nordens den Planeten Erde auf unbestimmte Zeit verschmutzen, haben Ökosysteme wie das Amazonasgebiet eine globale Wirkung, indem sie die Luft reinigen und große Mengen an CO2 speichern. Auch die Aktionen der indigenen Chagreras (Bäuerinnen) haben eine globale Wirkung. Aber wer oder was entlohnt diese Arbeit? Diese Art von Arbeit reiht sich ein in die Liste der schlecht bezahlten oder unbezahlten Sorgearbeit ein.

Indem wir bekannt machen, was die indigenen Chagreras (Bäuerinnen) tun und es sichtbar machen, kann mehr Gerechtigkeit hergestellt werden! Das ist ein Weg um eines Tages gerechte Entschädigung zu erlangen. Die indigenen Gemeinschaften fordern:
Die Anerkennung ihres angestammten Wissens über die Bewirtschaftung und Pflege des Amazonas-Regenwaldes.
Die Unterstützung mit finanziellen Mitteln von Regierungen und internationalen Initiativen für ökologische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Programme der lokalen Gemeinschaften.

[1] Es ist anzumerken, dass es weltweit Kontexte gibt, die von Heteronormativität beherrscht werden und es nur möglich ist, sich in der Binarität zu erkennen.

[2] „Es gibt keine eindeutige, vereinbarte Definition von Intergeschlechtlichkeit und keine klare Abgrenzung, welche spezifischen Bedingungen eine Person inter* machen.“ Alice D. Dreger. «Progress and Politics in the intersex rights movement, Feminist theory in action“. https://www.aisia.org/wp-content/uploads/2016/11/Dreger__Herndon_2009.pdf 23.01.2025.

[3] Sie bezieht sich auf die Vielfalt der Geschlechter und Sexualitäten, auf deren Entkolonialisierung und zum Beispiel auf die Art und Weise, wie Körper gesehen oder wahrgenommen werden.

[4] Ajata Hinojosa, Brígida Felipa. 19.02.2020. “ENCAMINAR LA LUCHA TRANS DESDE MI IDENTIDAD AYMARA”, Maricas en Movimientos Bolivia. https://maricasbolivia.wordpress.com/

[5] United Nations, 2015. “Agenda para el desarrollo sostenible, 20230”. Departamento de Asuntos Económicos y Sociales. Desarrollo Sostenible. Objetivo 5: Igualdad de Género. https://sdgs.un.org/goals/goal5

[6] UN-Women and DESA. 2024. Progress on the Sustainable Development Goals: The Gender
Snapshot 2024. New York: UN-Women and DESA. https://unwomen.de/sdg-5-gleichstellung-der-geschlechter/

[7] Drullard, Mikaelah. 2024. “El feminismo ya fué”. ONA Ediciones. Ciudad de México, México.

[8] Guzman , Adriana. 11.04.2024. “Adriana Guzmán, Indigenous Aymara woman: ‘Eurocentric feminism has a paternalistic gaze, it perceives us as an anecdote, something exotic”. El País, Madrid. https://english.elpais.com/society/2024-04-10/adriana-guzman-indigenous-aymara-woman-eurocentric-feminism-has-a-paternalistic-gaze-it-perceives-us-an-anecdote-something-exotic.html

[9] Chagra ist die Bezeichnung für ein Waldgebiet, das von den indigenen Völkern für Pflanzungen, Landwirtschaft und Waldpflege genutzt wird. Quelle ihrer Ernährungssouveränität. Kollektives Wissen der indigenen Gemeinschaften in der AATICAM-Region.

© 2025. This work is openly licensed via CC BY-NC 4.0 DEED 

Mit der (Aktien)Rente in die Altersarmut?

Was braucht es für eine gute Altersvorsorge für Alle?

Bis zu meinem 30. Geburtstag hatte ich bereits 100.000 € Ersparnisse. Heute besitze ich ein Vermögen im Millionenbereich“ schreibt Natascha Wegelin, Gründerin von Madame Moneypenny, eine der erfolgreichsten Finfluenzerinnen [1]. Wer wünscht es sich nicht: Im Alter abgesichert sein! In den aktuellen Debatten um Renten und Altersvorsorge wird prominent eine Lösung diskutiert: Investitionen am Finanzmarkt. Doch ist der Finanzmarkt wirklich die Antwort auf die Zukunftsfragen der Altersvorsorge, oder ist er nur ein weiterer Schritt in Richtung soziale Ungleichheit und finanzielle Unsicherheit?

Was ist das Problem?
Wer ein niedriges Einkommen hat und nicht privat vorsorgen kann, kennt die Frage sicherlich: Werde ich im Alter von Altersarmut betroffen sein? Das Armutsrisiko für FLINTA* [2] ist vergleichsweise hoch. Jede 5. Frau ab 65 Jahren ist von Armut bedroht. Strukturell gibt es zahlreiche Gründe, die die Altersarmut verstärken. FLINTA* erhalten geringere Löhne. Der Gender Pay Gap liegt aktuell bei 18 %. Das ist auf den höheren Anteil an Beschäftigung in Niedriglohnsektoren, wie z. B. in der Gastronomie, als Erntehelfer*innen oder Pflegehelfer*innen zurückzuführen. Viele FLINTA* arbeiten teils aus eigener Entscheidung, teils weil die Arbeitsbedingungen keine andere Wahl lassen oder weil gesetzliche Regelungen, wie das Ehegattensplitting diese Trennung begünstigen, in Teilzeit. Und FLINTA* übernehmen den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit (Gender Care Gap 44 %), wie Kindererziehung, emotionale Unterstützung, die Pflege von Angehörigen und Freund*innen bei Krankheit, in Transitionsprozessen oder im Alter. Dadurch sind sie einer permanenten Mehrfachbelastung ausgesetzt. All das führt dazu, dass die Beiträge, die über das Erwerbsleben in die Rentenkasse eingezahlt werden, niedriger sind. Für queere Senior*innen spitzt sich das Armutsrisiko im Alter noch weiter zu: Im Durchschnitt liegt die Armutsquote um sechs Prozent höher als bei cis-hetero Männern. Das heißt also jeden Monat mehrere Hundert Euro weniger auf dem Bankkonto!

Der demographische Wandel macht dem staatlichen Rentensystem ebenso zu schaffen: Immer mehr ältere Menschen, mit steigenden Lebenserwartung beziehen Rente und die muss von immer weniger jungen Menschen finanziert werden. Die gesetzliche Rente in Deutschland funktioniert nach dem Umlageverfahren. Das heißt, die aktuell 18,6 % Rentenversicherung, die monatlich vom Bruttolohn abgezogen werden, landen als Rente auf dem Konto der aktuellen Rentenbezieher*innen. Der Betrag wird also nicht auf einem Konto angespart, was im Alter abgerufen wird, sondern direkt umverteilt.

Aktuell diskutierte Lösungsansätze
Als Lösung für das Problem der Altersarmut bei FLINTAs* und die Finanzierungslücken gibt es derzeit eine gemeinsame Antwort: Investitionen am Aktienmarkt! Auf politischer Ebene wird die Einführung der Aktienrente diskutiert. Christian Lindners (FDP) Vorhaben, auch Generationenkaptial genannt, konnte durch den Bruch der Ampelregierung nicht mehr beschlossen werden. In den aktuellen Wahlprogrammen von Grünen, SPD und CDU/CSU finden sich aber auch keine neuen Ansatzpunkte, sondern das alte Heilsversprechen: Der Aktienmarkt wird das Problem mit der Finanzierung der Rente lösen! Bei der Aktienrente soll eine Summe von 200 Milliarden Euro in den nächsten Jahren aufgenommen und am Aktienmarkt angelegt werden. Ab Mitte 2035 sollen die Erträge in die staatliche Rentenversicherung fließen, damit das Rentenniveau stabil bleibt und höhere Beitragszahlungen abgefedert werden.

Da die gesetzliche Rente für ein existenzsicherndes Leben nicht ausreicht, rät der Staat zur privaten Altersvorsorge. Ein Trend sind immer mehr Angebote von sogenannten Finfluencerinnen, die auf Social Media ihr Finanzwissen und Erfahrungen teilen. Eigens für Frauen [3] konzipierte Videos, Podcasts oder Online-Seminare vermitteln Grundlagenwissen und wollen zu selbstbestimmten Umgang mit Geld ermutigen. Sie geben auch praktische Anlagetipps für ETFs (Exchange Traded Fund), um sich im Alter abzusichern. Gerade auch für Frauen mit geringen Einkommen werden hier Angebote geschaffen. Als Lösung fürs Alter wird mit Slogans wie „Wohlstand durch ETFs – mehr als nur nur Altersvorsorge“ geworben. Je nach Format sind diese Angebote mit Kosten verbunden.

Welche Kritik gibt es daran?
Die Kritik an den beiden Lösungsansätzen ist vielfältig: Die Anlagestrategie der Aktienrente ist in puncto Nachhaltigkeit sehr vage, wodurch klimaschädliche Akteure profitieren. Eine Recherche von CORRECTIV zeigt, dass Blackrock, der weltweit größte Vermögensverwalter, das Finanzministerium bei der Aktienrente beraten hat. Auch die deutsche Rentenversicherung sieht die Entwicklung kritisch. Sie weist auf das Risiko um eine positive Entwicklung am Finanzmarkt hin. Ein „stabiler“ Finanzmarkt mit Wachstum und eine erfolgversprechende Anlagestrategie sind nötig, damit sich das Vorhaben lohnt. Wo bleibt da die Generationengerechtigkeit, wenn der Planet weiter zerstört wird und die Renten niedrig bleiben?

Auf der individuellen Ebene ist das Investieren in Aktien für jene nützlich, die ein bisschen Geld auf der hohen Kante haben. Doch auch hier greift die Kritik: Wer auf den Finanzmarkt vertraut, geht Risiken ein, da man auf Wachstum setzt. Wer wenig verdient, kann schlechter privat vorsorgen und in zusätzliche Versicherungen einzahlen oder langfristig anlegen. Individuelle Anlagestrategien machen Altersvorsorge zum individuellen Problem und fördern damit die Vereinzelung.

Was also tun?
Dies sind alles keine hoffnungsvollen Zukunftsaussichten, da sie die soziale Ungleichheit weiter vorantreiben, die Isolation fördern und die Klimakrise diese Umstände noch weiter verschärfen wird. Nachhaltige ETFs mit strengeren Anlagekriterien geben der persönlichen Anlagestrategie oder auch der staatlichen Aktienrente einen grünen Anstrich. Die Spielregeln am Finanzmarkt bleiben dennoch die gleichen und Wirtschaftswachstum bleibt Bedingung. Es ist also ein Dilemma! Ziel sollte neben einer existenzsichernden Rente auch der Aufbau langfristiger und verbindlicher Netzwerke sein. Am besten generationsübergreifend, sodass ein Netz aus Beziehungen im Alltag und über die verschiedenen Lebensphasen hinaus besteht. Das hat das Potenzial, dass sich Menschen jenseits der Kernfamilie organisieren, Care-Arbeiten umverteilen und füreinander da sind. Denn dem Wert des Eingebettetseins in eine Caring Community oder einem Care-Netz [4] kann kein Aktienfonds etwas entgegensetzen.

Und warum nicht weiter auf das bisherige gesetzliche Rentensystem setzen und dies ausbauen? Es besteht schon seit über 60 Jahren, hat einigen Finanzkrisen getrotzt und zu einer stabilen Rentenumverteilung zwischen den Generationen beigetragen. Politisch zukunftsweisend wäre eine Debatte darüber, wie beispielsweise auch Beamt*innen in die gesetzliche Rentenversicherung eingegliedert werden könnten. Eine umfassende Integration aller Erwerbstätigen würde zu einer besseren Finanzierung und mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen und Berufsgruppen führen. Österreich hat das vor 20 Jahren vorgemacht. Und noch einen Schritt weiter gedacht: Was wäre wenn man das System der Rentenpunkte verändert und neben dem Erwerbseinkommen die unbezahlte Sorgearbeit mit einberechnet? Damit würde unbezahlte Care-Arbeit aufgewertet werden, und all jene profitieren, die diese mehrheitlich übernehmen.

Für gesellschaftlichen Wandel braucht es eine Vielzahl von Akteuren und Strategien und auch Druck von der Straße. Kämpfe für die Aufwertung von bezahlter Care-Arbeit müssen mehr in den Mittelpunkt rücken. Eine stetige Anhebung des Mindestlohns ist nötig, damit die Löhne steigen und mehr in die staatliche Rentenkasse fließt, was die Renten erhöht. Es lohnt sich für eine kollektive Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich einzusetzen (mehr in unserem Dossier). Und es braucht stärkere Kämpfe für die Aufwertung und Anerkennung von unbezahlter Care-Arbeit, sodass sich beispielsweise auch die Pflege von Freund*innen im Rentenpunktensystem niederschlägt. Diese Maßnahmen wären ein Anfang, um den strukturellen Gründe von Altersarmut etwas entgegen zu setzen. Denn gerecht ist, wenn die, die den Laden am Laufen halten, im Alter gut leben können.

[1] Finfluencer*innen sind Menschen die auf Social Media Inhalte zu Finanzen, Anlagestrategie oder Rentenversicherungen teilen.

[2] FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. In unserer Analyse verwenden wir den Begriff FLINTA*, weil es es mehr als zwei Geschlechter gibt und auch andere Personen als cis endo Frauen von patriarchaler Unterdrückung betroffen sind. Da wir auf Statistiken zurückgreifen, die Geschlecht nur binär erfassen und nicht zwischen trans* und cis oder inter* und endo unterscheiden, schreiben wir von den Kategorien, die diese Studien benutzen (z.B. Frauen).

[3] In den Internetauftritten der Finfluencer*innen werden nur Frauen als Zielgruppe angesprochen, weshalb wir das so in diesem Absatz wiedergeben. In unsere Analyse im Konzeptwerk verwenden wir den Begriff FLINTA*, da es mehr als zwei Geschlechter gibt und auch mehr als cis endo Frauen von patriarchaler Unterdrückung betroffen sind.

[4] Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha (2018) Care: Work: Dreaming Disability Justice

Foto: Charlotte Hitzfelder, CC BY-SA 2.0

»Wir arbeiten bis zur Belastungsgrenze und auch darüber hinaus.«

Silvia Habekost über Arbeitsbelastung, Krankenhausreform und TvÖD

Ein Interview mit der Anästhesiepflegerin Silvia Habekost über Arbeitsbelastung, die Folgen der Krankenhausreform und die anstehende Tarifrunde im Öffentlichen Dienst (TVöD).

Caro Rübe: Frau Habekost, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der Pflege im Bereich der Anästhesie. Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag gerade aus?

Silvia Habekost: Ich arbeite im OP und da merkt man einfach diesen Druck, möglichst viele Fälle zu generieren. Nicht die Patientenversorgung steht im Mittelpunkt, sondern dass möglichst viel operiert wird. Dadurch, dass zu wenig Personal da ist, werden nicht ausreichend Kapazitäten angeboten und die Kapazitäten, die da sind, sollen voll ausgefüllt werden, damit kein Puffer mehr bleibt. Kein Puffer für Notfälle, keine Zeit, um auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten einzugehen. Wir arbeiten bis zur Belastungsgrenze und auch darüber hinaus. Das hält man nicht in Vollzeit aus.

Gibt es keine Regelungen, die der Überlastung der Beschäftigten etwas entgegensetzen?

Unser Entlastungs-Tarifvertrag legt für die Stationen eine Ratio, also ein Verhältnis, fest, wie viele Patienten die Pflegekräfte versorgen können. Wenn das nicht eingehalten wird, bekommen die Pflegekräfte sogenannte Belastungspunkte und nach fünf belasteten Schichten bekommt man bis zu 15 Tage im Jahr frei, der Rest wird dann ausgezahlt. Und das macht natürlich für einen individuell schon einen echten Unterschied. Das erhöht den Druck darauf, dass genug Personal da ist. Auch im OP-Bereich generieren wir Belastungspunkte, zum Beispiel wenn ich als Anästhesiepflege mehr als einen Saal betreue. Im Aufwachraum haben wir auch eine Ratio. Die Belastung wird nicht weniger, aber wir bekommen genauso frei, wie die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege.

Sie haben 2021 sehr engagiert einen Tarifvertrag für Entlastung bei Vivantes und an der Charité erkämpft. Wenn man sie jetzt hört, klingt es, als hätte sich seitdem nicht viel verändert.

Es gibt schon mehr Personal. Aber dadurch, dass es nicht weniger Patienten werden, sondern eher mehr, beißt sich das wieder. In den Bereichen, wo das gut funktioniert, herrschen auch bessere Arbeitsbedingungen. Da wo die Ratios eingehalten werden, entstehen auch keine freien Tage, außer bei kurzfristigen Personalausfällen. Das ist auch immer sehr individuell, wie das im Einzelfall so aussieht. Aber dadurch, dass dieser ökonomische Druck so hoch ist, werden, sobald mehr Personal da ist, die Kapazitäten erhöht. Das führt nicht zwangsläufig zu weniger Belastung.

Der Tarifvertrag Entlastung gilt ja nur in manchen Krankenhäusern. Was sind denn bundesweit die drängendsten Probleme? 

Es gibt jetzt die neue Krankenhausreform. Lauterbach hatte versprochen, es würde eine Entökonomisierung stattfinden, damit dieser Wettbewerb abnimmt, er wollte auch die diagnosebezogenen Fallpauschalen abschaffen. Das ist alles nicht passiert. Es wird eher noch schlimmer werden. Dieser Wahnsinn, mehr Fälle zu produzieren, wird noch zunehmen. Und die andere Absicht der Reform war, Krankenhäuser zu schließen, weil es zu viele Krankenhäuser geben würde. Aber es gibt keine Folgenabschätzung, was passiert, wenn man einfach mal so Krankenhäuser schließt, ohne dass man dafür eine Struktur schafft, die das auffängt. Es ist ein sehr komplexes Thema. Das System vor den Fallpauschalen war ein kostendeckendes, bedarfsgerechtes Finanzierungssystem. Seit der Einführung der Fallpauschalen ging es nicht mehr um Bedarfsgerechtigkeit. Es wurden Preise festgelegt für die einzelnen Fälle, was Durchschnittswerte sind. Das führte zum Wettbewerb um die lukrativsten Fälle und wer am besten Kosten senken konnte. Da es keine verbindlichen Richtwerte gab, wie viel Personal eigentlich da sein muss, wurde dort am meisten gespart.

Aber wurden diese Fallkostenpauschalen nicht teilweise abgeschafft? Geht es durch die Reform nicht eher darum, wie viele Kapazitäten Krankenhäuser bereithalten?

Die Finanzierung läuft nach wie vor über die Fallpauschalen. Aber es gibt jetzt noch andere Pauschalen, und zwar Vorhaltepauschalen. Die sind für Vorhaltekosten, die ein Krankenhaus auf jeden Fall hat. In der Rettungsstelle zum Beispiel weißt du ja vorher nicht, wie viele Notfälle kommen. Doch es entstehen Grundkosten, da man Personal und die ganze Struktur vorhalten muss. Wenn ich höre, Vorhaltekosten werden übernommen, heißt es für mich, dass je nach Einzugsgebiet diese Struktur vorhanden und finanziert sein muss. Es darf nicht davon abhängen, wie viele dann letztendlich kommen. Aber wie das Wort Pauschalen so schön sagt, wird das durch die Reform an die Anzahl der Fälle geknüpft. Pflegekosten für „Pflege am Bett“ wird schon seit längerer Zeit als Pflegebudget abgerechnet. Das war ein großer Erfolg und dieses System bleibt auch. Für alle anderen Bereiche – wie OP, Anästhesie, Rettungsstellen, Radiologie etc. fallen die Personalkosten nach wie vor unter die Fallpauschalen und zukünftig auch unter die Vorhaltepauschalen – das alles ohne verbindliche Personalvorgaben.

Das heißt, es entsteht wieder ein ökonomischer Druck?

Ja, das geht doch nicht. Wenn Krankenhäuser mehr Fälle haben, bekommen sie nicht mehr Geld. Wenn sie weniger Fälle haben, wird ihnen das Geld abgezogen und wird auf andere Krankenhäuser verteilt. Das heißt, dieser Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern, wer jetzt welche Patienten versorgt, bleibt oder wird sogar noch schlimmer. Und dieses Geld für die Vorhaltepauschalen kann auch für andere Dinge ausgegeben werden, das sind keine zweckgebundenen Gelder. Da Krankenhäuser nach wie vor Gewinne machen dürfen, kann man sich ja vorstellen, was dann die privaten Krankenhäuser, die gewinnorientiert sind, machen werden. Bereits jetzt hat der Wettbewerb darum begonnen, möglichst viele Fälle zu haben, damit man auch vernünftig als Krankenhaus eingestuft wird.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Es braucht eine vernünftige Krankenhausplanung, das muss bedarfsgerecht finanziert werden und es muss vom Patienten her gedacht werden und nicht vom Geld her. Außerdem braucht es eine Aufhebung der Grenzen zwischen ambulant und stationär. So was wie Polikliniken müsste es wieder geben und nicht ausschließlich privat geführte Praxen oder medizinische Versorgungszentren mit privater Trägerschaft. Es wird ja immer gesagt, es ist alles viel zu teuer. Das stimmt in dem Sinne nicht. Wir müssen uns die Einnahmeseite angucken. Dieser Krankenhaus-Strukturfonds, den es jetzt geben soll, wird aus gesetzlichen Krankenkassenbeiträgen und durch die Länder finanziert. Wieso werden Privatversicherungen nicht in die Pflicht genommen? Wieso zahle ich und mein Arbeitgeber in die Krankenkasse ein – Aber wenn du ein Einkommen aus Aktien und Besitz hast, wird nicht eingezahlt? Diese Umverteilung von Reichtum, die ist einfach ungerecht. Außerdem braucht es eine Finanzierung über Steuermittel oder einem Sondervermögen für die großen Strukturveränderungen. Schon jetzt stehen viele Krankenhäuser vor der Insolvenz – etwa weil in den letzten Jahren die gestiegenen Energiekosten nicht refinanziert wurden.

Lassen Sie uns nochmal rauszoomen – Pflege ist Sorgearbeit; das bedeutet einerseits, dass sie kaum in ihrer Produktivität gesteigert werden kann, und somit nur unter größtem Druck Profit generiert. Zugleich bedeutet das, dass es sich um feminisierte Arbeit handelt; also dass mehrheitlich Frauen unter schlechten Arbeits- und Lohnbedingungen in der Pflege arbeiten. Wie wirkt sich dieses Verhältnis auf Ihre gewerkschaftlichen Kämpfe aus?

Zum einen hat Profit in der Daseinsvorsorge nichts zu suchen. Es wird immer von produktiver Arbeit geredet und dann wird meistens von der Autoindustrie oder einer anderen Industrie gesprochen. Das wird dann als Mehrwert empfunden und dargestellt. Aber die ganze Sorgearbeit, unter der ich auch noch mehr als Gesundheitsversorgung zähle, also Bildung und Kinderbetreuung und so weiter. Das wird dargestellt, als würde das keinen Mehrwert schaffen. Aber eine Industrie kannst du nicht ohne Sorgearbeit aufrechterhalten. Die Kosten dafür müssen mit eingerechnet werden und dürfen nicht unter den Tisch fallen. Dass man mit Gesundheitsversorgung generell Geld verdienen kann, das ist doch völlig perfide.

Bald sind wieder Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst. Die Gewerkschaften fordern aktuell primär mehr Geld und mehr Arbeitszeitsouveränität. Reicht das aus, um die Lage in den Krankenhäusern zu verbessern?

Ich finde es ist wichtig, dass wir mehr Geld fordern. Von mir aus könnten die Forderungen auch höher aussehen. Die Arbeitszeit-Forderungen, dank derer Beschäftigte zwischen mehr Geld und mehr Freizeit wählen könnten, sind auch verständlich. Das ist Ergebnis einer Umfrage, die gemacht wurde. Aber bei uns im Krankenhaus haben ohnehin schon fast alle ihre Arbeitszeit reduziert und das ist in vielen Krankenhäusern so, nicht nur in der Pflege, weil man diese Arbeit einfach nicht in Vollzeit schaffen kann. Von daher wäre es gut gewesen, eine generelle Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich zu fordern. Außerdem gibt es einen großen Anteil an prekär Beschäftigten in Krankenhäusern und auch in anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes. Für diese Kolleginnen und Kollegen muss eine ordentliche Lohnerhöhung her!

Vielen Dank für das Interview!

Wenn ihr Silvia und ihre Kolleg*innen unterstützen wollt, nehmt Kontakt auf und bleibt informiert:

Folgt der Berliner Krankenhausbewegung auf Social Media @berliner_krankenhausbewegung

Oder engagiert euch beim Bündnis „Gesundheit statt Profite“ (in Berlin,  Leipzig oder anderen Orten) und schaut beim neu gegründeten Bündnis „Berlin steht zusammen“ vorbei @berlinstehtzusammen

Foto: Stefan Häusler

In die Sackgasse gespart? Neue Visionen sind gefragt

Ausbau von sozialen Infrastrukturen – jetzt!

Die Ampel zerbricht an der Schuldenbremse. Offen ist, welchen finanzpolitischen Kurs eine neue Bundesregierung einschlagen wird. Wird massiv investiert oder drohen weitere Sparmaßnahmen? Und was ist den aktuellen Krisen angemessen?

Es braucht mehr staatliche Investitionen, sagen die Mainstream-Wirtschaftsforschungsinstitute. Sie fordern einen klaren wirtschaftspolitischen Kurs, um wirtschaftliche Stabilität herzustellen. Die aktuelle Rezession ist aber nicht nur Ausdruck konjunktureller Schwankungen sondern sitzt tiefer. Es sind strukturelle Probleme, wie demografischer Wandel, Klimakrise, zunehmend autoritäre Regierungen, denen wir uns zuwenden müssen.

Schauen wir uns die Krise der Auto-Industrie an: Jahrelang ist bereits klar, dass angesichts der Klimakrise die Abkehr vom Verbrenner notwendig ist und das Umschwenken auf E-Autos keine zukunftsfähige Lösung ist. Doch anstelle die Vergesellschaftung von VW zu diskutieren, droht das VW-Management jetzt mit massivem Stellenabbau.

Die Krise sitzt tief – und sie ist sozial!

Neben der Klimakrise gibt es andere strukturelle Herausforderungen, wie die Care-Krise, auf die endlich Antworten gefunden werden müssen. Stichwort: Rentenreform, Transformation des Gesundheitswesens.

Auch der Sachverständigenrat attestiert in seinem Jahresgutachten strukturelle Probleme der Wirtschaft. Durch fehlende staatliche Investitionen lebe die Wirtschaft auf Verschleiß. Betroffen seien vor allem Verkehrsinfrastruktur, Verteidigung, Bildung. Auch Wirtschaftsverbände stimmen dem zu: Zu lange habe die Bundesregierung Investitionen verschleppt.

Mainstream-Ökonom*innen blenden dabei aus, was Gesellschaften zusammenhält, nämlich soziale Infrastrukturen. Diese wurden zuletzt stark zusammengespart, was Menschen täglich spüren. Neue Sanktionen beim Bürgergeld, Kürzungen bei Freiwilligendiensten und Beratungsstellen, anhaltender Personalmangel in Kitas, Krankenhäusern und der Jugendhilfe. All das ist Ergebnis von Lindners Festklammern an der Schuldenbremse. Vereinzelt regt sich dagegen Protest, wie in NRW wo am Mittwoch 32.000 Menschen gegen den Sparhaushalt der Landesregierung protestierten.

Trotz Mindestlohnerhöhung und Wohngeldreform sind die sozialen Schäden der FDP-bestimmten Finanzpolitik enorm. Die soziale Investitionslücke, die sich vor uns auftut, erfordert ein Umdenken, was wirtschaftspolitisch Priorität hat. Der Ausbau der sozialen Infrastrukturen wie Kindergärten, Krankenhäuser, Beratungsangebote gehört ins Zentrum. Sorge muss endlich Mittelpunkt der Wirtschaft werden.

________________________________________________________________________________

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel „Lindner-Strategie führt zu Trümmern nach Ampel-Ende – Dringende Investitionen fehlen“ in der Erstveröffentlichung als Kolumne in der Gastwirtschaft der Frankfurter Rundschau am 19.11.2024.

Foto: Bastian Greshake Tzovaras, CC BY-SA 2.0