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Wie kommen wir hier wieder raus?

Über Zukunftsängste und einen konstruktiven Umgang mit multiplen Krise

Während ich morgens verschlafen in meinem Kaffee rühre und Deutschlandfunk höre, bekomme ich Angst: heute wieder Drohnenangriffe, Aufrüstungspläne und Abbau des Sozialstaats. Ich trinke meinen Kaffee aus – und bin so müde.
Wie mir geht es vielen von uns angesichts der sich gefühlt stetig verschlechternden Weltlage. Die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft aufrecht zu halten, wird immer schwerer. Zu den politischen und wirtschaftlichen Krisen kommen – oftmals abstrakt verbunden – noch die persönlichen Krisen hinzu: Jobsuche, Sinnfragen, Liebeskummer, Einsamkeit, Erschöpfung, gestiegene Lebenshaltungskosten, Schlaflosigkeit und schon wieder eine Erkältung. Der Bedarf nach Therapiestunden übersteigt in meinem Umfeld bei weitem das Angebot.

Wissen alleine reicht nicht
Das Schlimmste dabei für mich: Die Konzepte für eine zukunftsfähige Lebens- und Wirtschaftsweise liegen seit langer Zeit auf dem Tisch. Wir brauchen unsere klügsten Köpfe nicht weitere fünfzig Jahre immer noch differenziertere Studien erstellen zu lassen – vielmehr hätten wir vor fünfzig Jahren mit der Umsetzung anfangen müssen: Kreislaufwirtschaft, Vermögenssteuer, Mietendeckel, kollektive Arbeitszeitverkürzung, Energiewende, Mobilitätswende, Agrarwende und so weiter und so fort. Das Wissen ist da, aber es zeigt sich, dass Wissen alleine nicht reicht. Man braucht auch gesellschaftliche und politische Macht, um Veränderung anzustoßen. Aber diejenigen, die über die zukunftsfähigen Konzepte verfügen, befinden sich nicht in den gesellschaftlich relevanten Machtpositionen – und werden dort innerhalb des bestehenden kapitalistischen Systems voraussichtlich auch nicht hinkommen.
Stattdessen erleben wir die deutsche Gesellschaft als Verdrängungsgesellschaft par excellence. Am besten schneiden jene Parteien ab, die wohlklingende Geschichten darüber erzählen, dass es Wege zurück in eine imaginierte Vergangenheit gibt, in der alles „besser“ war: Die Wirtschaft florierte, Minderheiten und Frauen wussten, wo ihr Platz ist und in der Geopolitik war es leicht, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Zukunft war vor allem eine Verlängerung der Gegenwart. Allerspätestens der Klimawandel machte diese Vorstellung von Zukunft jedoch zunichte. Dies führt aber nicht dazu, dass der Klimawandel als Problem angegangen wird; stattdessen wird er verdrängt und sehnsüchtig an rückwärtsgewandte Erzählungen oder technische Heilsversprechen geglaubt.

Trauer zulassen
Die Verdrängung des Leids, das wir im globalen Norden mit unserer imperialen Lebensweise überall auf der Welt erzeugen, ist aber eine Grundbedingung, um dieses Leid erst zu ermöglichen. Eine Möglichkeit, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen – neben dem Aufbau von Gegenmacht von unten und der Ausweitung von Freiräumen – ist es daher, als Gesellschaft aus der Verdrängung herauszukommen und sich dem Schmerz über all das gegenwärtige Leid sowie die vielfachen Verluste und Katastrophen zu stellen, die uns aufgrund unserer Lebensweise in der Zukunft erwarten. Erst wenn wir einen gesellschaftlichen Umgang mit diesen herausfordernden Emotionen finden, werden sich Menschen aus der Verdrängung lösen und sich für Zukunftsentwürfe öffnen können, die ganz anders sind als das, was sie kennen.
Bis wir uns mit CDU- oder AfD-Wähler*innen weinend in den Armen liegen, wird es aber wohl noch etwas dauern. In der Klimabewegung hingegen gibt es bereits erste Schritte, sich der Trauer kollektiv zu stellen. Und wie immer müssen wir Neues erst im Kleinen erproben, bis es (hoffentlich!) in die Mehrheitsgesellschaft hinüberschwappt.
Auf dem Kollapscamp im letzten Sommer hat der kollektive Umgang mit Emotionen für mich einen erstaunlich großen Raum eingenommen. Andere Bewegungen sind sogar noch weiter: Schwarze Menschen sind in den USA mit einem enormen Ausmaß an rassistischer (Polizei-)Gewalt konfrontiert und müssen oft den Verlust von ermordeten Freunden und Familienmitgliedern betrauern. Ihr kollektiver Umgang mit Schmerz und Verlust kann uns, vermittelt durch Bücher wie Rebellious Mourning von Cindy Milstein, inspirieren. Ebenso sind für mich die Überlebenden der AIDS-Epidemie ein Vorbild. Sie sind mit dem Lebensmotto „Bury your friends in the morning, protest in the afternoon, and dance all night“ in die Geschichte eingegangen.
Hier wird auch deutlich, wie sehr Trauer und Freude zusammengehören. Der US-amerikanische Psychotherapeut und Autor Francis Weller sagt: „Most of our aliveness is caught up in the suppression of sorrow.“ Das bedeutet für mich, dass eine Hinwendung zur Trauer uns auch ermöglichen würde, uns wieder lebendiger zu fühlen. Trauer ist eine der Grundemotionen und wenn wir sie immer wieder unterdrücken, sind wir auch nicht in der Lage, andere Emotionen gut zu spüren.

Es geht nur gemeinsam
In westlichen Gesellschaften ist Trauer jedoch oft individualisiert und findet vor allem nachts unter der Bettdecke statt. Tagsüber gibt man sich stark und kontrolliert. Als legitime Gründe, um zu trauern, gelten der Tod eines nahen Verwandten oder Liebeskummer – aber auch nur für ein paar Wochen. Wohingegen ich aus dem Buch Tending Grief von Camille Sapara Barton lernen durfte, dass die Dagara Community, beheimatet im heutigen Burkina Faso, monatliche Trauerrituale durchführt, die für alle Mitglieder der Gemeinschaft verpflichtend sind. Es ist ein Tabu, diese monatlichen Trauerrituale nicht wahrzunehmen, weil die unverarbeitete Trauer der Einzelnen die Gemeinschaft in Form von Gewalt oder Krankheit negativ beeinflussen kann. Trauer ist laut der Dagara keine Ausnahme oder gar Ausdruck eines Versagens, sondern ein normaler Teil des Lebens. Daher muss regelmäßig und in Gemeinschaft getrauert werden. Diesen Umgang mit Trauer, den die bekannte Trauerarbeiterin Sobonfu Somé mit der* Autor*in Camille Sapara Barton in einem ihrer Workshops geteilt hat, hat mein Denken darüber stark geprägt, wie wir in kapitalistischen Gesellschaften an den Punkt kommen konnten, an dem wir jetzt sind. Wir müssen lernen, der Trauer mehr Raum zu geben. Und wir müssen lernen, uns anderen gegenüber authentisch in unserer Trauer zu zeigen.
Generell würde ich sagen, dass wir gegenwärtigen und zukünftigen Krisen nur konstruktiv begegnen können, wenn wir uns kollektiv einen kompetenten Umgang mit unseren Emotionen – all unseren Emotionen – aneignen. Wenn wir lernen, gemeinsam zu trauern, gemeinsam wütend zu sein und gemeinsam zu feiern, kann das eine enorme Kraft freisetzen, die wir auch politisch nutzen können. Ich hoffe auf eine Zeit, in der wir nicht mehr erschlagen von den Ereignissen in der Welt und mit unseren Depressionen kämpfend zu Hause bleiben, sondern gelernt haben, unsere Gefühle anzunehmen und sie auf die Straße zu tragen. „What you are feeling is not your own grief, what you are feeling is the soul of the world suffering“, sagt der Francis Weller und etwas in mir vibriert.
Weller spricht von primären und sekundären Befriedigungsmechanismen und ist der Meinung, dass wir weniger von den sekundären Befriedigungsmechanismen wie Status, Reichtum und materielle Güter benötigten, wenn wir den primären (wie zusammen essen, tanzen, träumen, trauern) mehr Raum geben würden. Er glaubt sogar, dass die Hinwendung zu den primären Befriedigungsmechanismen unser kapitalistisches Wirtschaftssystem zusammenbrechen lassen kann. Das will ich gerne ausprobieren! Also fange ich schon einmal an, ziehe in eine Gemeinschaft, esse jeden Abend mit vielen Menschen, teile auch die schweren Momente, schaue, was ich brauche, um Trauer halten und selber teilen zu können, feiere die schönen Momente sehr bewusst und lade immer wieder dazu ein, von einer besseren Welt zu träumen. Dazu treffe ich regelmäßig meinen Lesekreis für das Buch Hospicing Modernity und schließe mich einem Trauerkreis an, mit Menschen, die ich kaum kenne. Und was machst du?

Zum Weiterlesen und -hören:

Dieser Beitrag wurde im Rahmen der Kolumne „Zukunft für alle“ des philosophischen Wirtschaftsmagazin Agora42 veröffentlicht.

Welche Technik wollen WIR?

Wie kann Technik aussehen, die den Menschen dient?

Oftmals werden große Anstrengungen unternommen, uns technischen Fortschritt als ein neues Heilsversprechen zu verkaufen. Die Klimakrise? Ein Problem, für das es im Ingenieursland Deutschland vor allem (profitable) technische Lösungen gibt. Hier ein bisschen grüner Wasserstoff, dort ein bisschen CCS (carbon capture and storage) und den Rest lösen wir über Emissionshandel. Die Illusion herrscht vor, dass nicht unser wachstumsabhängiges Wirtschaftssystem das Problem ist, sondern dass es Lösungen für die Klimakrise innerhalb und aus der Logik dieses Wirtschaftssystems heraus geben kann. Dieser sogenannte Techsolutionismus (solution: engl. für Lösung) ist verbunden mit einem übermäßigen Techoptimismus: Technischen Lösungen wird viel mehr zugetraut als diese Technologien am Ende wahrscheinlich bieten. CCS ist zum Beispiel bei weitem nicht so sicher einsetzbar, wie es ökonomische Modelle in ihren Berechnungen vermuten lassen. Auch wird grüner Wasserstoff voraussichtlich ein teurer Luxuskraftstoff bleiben und nicht in der Breite einsetzbar sein.
Wenn man die Klimakrise nicht verleugnet und den dadurch notwendigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern akzeptiert, dann gibt es ganz offensichtlich nur eine sinnvolle Strategie: weniger zu verbrauchen und nach gesellschaftlichen statt technischen Lösungen zu suchen.

Wie kann Technik aussehen, die den Menschen dient?
Die Anfänge des Internets lassen eine Digitalisierung erahnen, die nicht von Profitinteressen (siehe GAMMA, also Google, Apple, Meta, Microsoft und Amazon) und staatlicher Überwachung (siehe Palantir) geprägt ist. Technik(-entwicklung), die menschliche Bedürfnisse ins Zentrum rückt, wäre vor allem von anderen Eigentumsverhältnissen, Technik-Mündigkeit und echter demokratischer Mitbestimmung gekennzeichnet. In unserem Buch Eine Vision für 2048 haben wir diese Anfänge weitergedacht und unsere Technik-Utopie folgendermaßen beschrieben:

Das Verhältnis von Mensch und Maschinen wird demokratisch ausgehandelt. Es gibt keine unnötige, nur dem Profit dienende Technikentwicklung und Digitalisierung mehr. Eine effektive Mechanisierung und Nutzung digitaler Dienste macht schwere körperliche Arbeit leichter, unterstützt Menschen in lebensnotwendigen Tätigkeiten und erhöht die Qualität von Produkten. Das heißt, nicht was wir tun, wird den Maschinen angepasst, sondern die Maschinen dem, was wir brauchen. Technik wird mithilfe partizipativer, praxisnaher Forschung gemeinsam mit denen entwickelt, die sie nutzen. Produktionsverfahren sind für alle transparent. Soft- und Hardware sind Open Source und damit anhand offener Standards von Nutzer*innen weiter entwickelbar. Ermöglicht wird dies durch dezentrale und selbstorganisierte Infrastrukturen. Es gibt keine proprietäre Software mehr, Patente sind abgeschafft. Alle können Technik selbstbestimmt und ohne Angst vor Ausspähung und Manipulation nutzen. Die meisten Geräte sind so konzipiert, dass sie ohne eine lange Ausbildung und ohne Zugang zu speziellen Ressourcen entwickelt und genutzt werden können. Sie können in lokalen Werkstätten von allen, die sich eingearbeitet haben, mitproduziert und repariert werden. Dies gilt sowohl für Konsumgüter als auch Produktionsmittel. Da Lowtech-Lösungen wie Fahrräder oder Solarthermie oft ressourcenschonender, einfacher verständlich und leichter reparierbar sind, werden sie vielfach eingesetzt. Nur in Bereichen, wo dies gesamtgesellschaftlich als notwendig erachtet wird, weichen wir davon ab und nutzen Hightech, zum Beispiel in manchen Bereichen der Medizin.

Aber wie kommen wir in diese bessere Welt – oder zumindest in ihre Nähe?
Die gesellschaftliche Funktion von Utopien ist es, uns Orientierung zu bieten – und keinen Masterplan. Es muss Raum bleiben für demokratische Aushandlung und Prozessoffenheit. In unseren Bausteinen für Klimagerechtigkeit haben wir jedoch einige der Schritte beschrieben, die unseren zukünftigen Handlungsspielraum vergrößern:

1.) Digitale Infrastrukturen in Anstalten öffentlichen Rechts übertragen
Digitale Infrastrukturen wurden global aufgebaut, dennoch sind sie physisch verortet. Um solche Infrastrukturen in Deutschland demokratisch zu verwalten, braucht es geeignete öffentliche Institutionen. Das physische Netz könnte einer Bundesanstalt zugewiesen werden, aber weitere digitale Infrastrukturen sollten kommunalisiert werden, indem sie in Städten und Gemeinden von einer Anstalt öffentlichen Rechts organisiert werden. Ähnlich wie bei der Versorgung mit Wasser und Energie sollten „Stadtwerke für Digitales“ allen Einwohner*innen den Zugang zum Netz bedürfnisorientiert anbieten. Das beinhaltet auch die Bereitstellung langlebiger Hardware und die Unterstützung der lokalen Gesellschaft beim Einsatz freier Software − zum Beispiel den Betrieb von Servern für die Plattform eines Fahrradkurier-Kollektivs oder die Einrichtung einer Online-Bibliothek für eine Schule. Solche Stadtwerke müssen genug Ressourcen und Kompetenzen haben, um unabhängig von privaten Unternehmen zu bleiben.

2.) Offene und sozial-ökologische Standards für digitale Infrastrukturen durchsetzen
Öffentliche digitale Infrastrukturen dürfen nicht wie in intransparenten und unregulierten Unternehmen gestaltet werden. Sowohl Hardware als auch Software – alles von Kabeln über Datenzentren bis hin zu Plattformdiensten – muss gesetzlich festgelegten, offenen Standards folgen, denn dies ermöglicht Transparenz und Mitgestaltung. Darüber hinaus müssen diese Standards sozialen und ökologischen Prinzipien Vorrang geben. Zum Beispiel sollten Datenzentren ressourcensparsame und langlebige Server benutzen und Plattformen Mechanismen gegen Ausbeutung und Diskriminierung einsetzen.

3.) Plattformen allgemeinen Interesses vergesellschaften
Obwohl eine Behörde die Netzneutralität gut sichern könnte, ist eine staatliche Kontrolle beispielsweise von Kommunikationsdiensten unerwünscht. Alle müssen in der Lage sein, einen Teil der öffentlichen Infrastrukturen über offene Schnittstellen zu betreiben − also Plattformen, die von Kommunikation bis hin zu Bestellungen alle alltagsrelevanten Dienstleistungen anbieten. Diese Form der Vergesellschaftung von unten können Kommunen dann fördern, indem sie sozial-ökologische Kriterien anlegen und gemeinwohlorientierte Dienste bevorzugen.

4.) Lokale Orte des Wissenstransfers und der Reparatur unterstützen
Um Menschen an der Gestaltung digitaler Infrastrukturen beteiligen zu können, braucht es Orte wie die Hackerspaces und Repair-Cafés, an denen technisches Wissen und Reparatur-Skills für alle zugänglich sind. Sie sollten als Teil einer lebendigen Zivilgesellschaft flächendeckend entstehen und müssen durch Finanzierung und die Bereitstellung von öffentlichen Räumen und Bildungsangeboten unterstützt werden.

Klingt super – wo kann ich anfangen?
All diese Dinge bekommen wir im Spätkapitalismus natürlich nicht geschenkt, wir müssen sie erkämpfen. Glücklicherweise gibt es in Deutschland eine große und etablierte Hackervereinigung, die man beim jährlichen Chaos Communication Congress kennenlernen kann. Hier ist man mit Anliegen rund um digitale Eigentumsverhältnisse, Technik-Mündigkeit und demokratische Mitbestimmung an der richtigen Stelle. Wenn man sich mehr für politische Arbeit im Bereich Digitalisierung und Nachhaltigkeit interessiert, ist vor allem das Netzwerk Bits&Bäume relevant, das sowohl Konferenzen organisiert als auch viele lokale Ortsgruppen hat. Dass der Kampf sich lohnt, zeigte zum Beispiel die Kampagne „Google Campus Verhindern“. Derzeit laufen Kampagnen gegen Tesla und Big Tech, die sich sicher über Unterstützung freuen. Und wem das zu viel ist, der kann immerhin die „Stoppt die Macht von Big Tech“-Petition von Campact unterstützen.

Dieser Beitrag wurde im Rahmen der Kolumne „Zukunft für alle“ des philosophischen Wirtschaftsmagazin Agora42 veröffentlicht.