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Wieso Klimagerechtigkeit und trans* Befreiung zusammengehören

Über Selbstorganisierung in Pakistan und Indonesien

Indien, 2004: Ein Tsunami trifft am 26. Dezember die Küsten von Indien, Indonesien, Thailand und Sri Lanka. 230.000 Menschen sterben, 1,7 Millionen Menschen werden obdachlos. Aravanis [1] verlieren Tanzkostüme, Make-up und Werkzeuge, die sie für ihr Überleben benötigen. Ihnen wird der Zugang zu temporären Notunterkünften verwehrt. Auch in den Statistiken zu Todesopfern werden sie nicht aufgeführt. In Folge davon werden sie in vielen Nothilfe- und Wiederaufbauprogramm nicht mitgedacht, was ihnen die Rückkehr in ein würdevolles Leben erschwert.
Auch nach dem Hurricane Katrina in den USA 2005 werden trans* Frauen aus Notunterkünften ausgeschlossen: Zwei trans* Frauen of Colour werden festgenommen, nachdem sie Sanitäranlagen gemäß ihres Geschlechts nutzen.
Auf schmerzhafte Art und Weise zeigt das, dass nicht alle Leben als gleich lebenswert gelten und LGBTQIA* Personen strukturell oft ausgeschlossen werden, wenn es um den Umgang mit der Klimakrise geht.

Sowohl global als auch die Überschwemmungen im Ahrtal 2021 haben gezeigt: Wir sind mitten in der Klimakrise. Laut wissenschaftlichen Prognosen häufen sich solche Extremereignisse zunehmend. Und sie verstärken bereits bestehende Ungleichheiten. Denn Länder wie Deutschland, die USA oder Großbritannien haben historisch am meisten zur Klimakrise beigetragen. Jedoch sind es andere Länder wie beispielsweise China, Indien, Bangladesh und Äthopien, in denen die Menschen am stärksten von der Klimakrise betroffen sind: Sei es durch Überschwemmungen, Dürren oder extreme Temperaturen. Dagegen regt sich Widerstand. Weltweit setzen sich Menschen für Klimagerechtigkeit ein. Sie machen darauf aufmerksam, dass die Klimakrise globale Ungleichheiten verstärkt und marginalisierte Menschen stärker trifft- je nachdem wo sie wohnen, wie ihre finanziellen Ressourcen sind, ob sie rassistisch diskriminiert werden, welches Geschlecht sie haben, wie ihre sexuelle Orientierung ist. Das ist ungerecht. Für Klimagerechtigkeit zu kämpfen heißt also für eine Umverteilung der Ressourcen zu kämpfen, die die Folgen der Umweltzerstörung abfedern. Es heißt, sich konkret für einen Schuldenschnitt für Länder des Globalen Südens und Reparationszahlungen für die vom Globalen Norden verursachte Klimakatastrophe einzusetzen. Zugleich ist die Eindämmung der Erderwärmung oberstes Ziel.

Ähnlich wie in der Covid-Pandemie bildet sich ein Muster heraus, nämlich dass die Klimakrise mit ihren Auswirkungen Marginalisierung verstärkt: Wer vorher schon in einer Gesellschaft strukturelle Gewalt und Diskriminierung erfährt, den treffen Hitzewellen, Dürren und Überflutungen noch stärker. In Bezug auf die LGBTQIA* community wird das besonders deutlich beim Umgang mit solchen Extremwettereignissen. Doch queere und trans* Personen organisieren sich, um deutlich zu machen, dass ihre Befreiung an den Kampf gegen die Klimakrise gekoppelt ist:

In Indonesien beispielsweise haben einige trans* Frauen das Projekt “Sanggar Teater Seroja” gegründet, um Bewusstsein für die Klimakrise zu schaffen. Ausgang war dafür die Beobachtung, dass Hitzewellen und Regen vor allem trans* Frauen treffen, weil die trans* Community viel draußen in den Straßen ist. Eine Erklärung dafür ist, dass Sexarbeit eine ihrer Haupteinnahmequelle ist. Neben Filmabenden, Modeschauen und Diskussionen mit anderen Gruppen hat Sanggar Seroja eine Umfrage mit 80 trans* Personen in Jakarta durchgeführt. Ziel davon war es, herauszufinden, wie die Klimakrise sich auf Einkommen, Krankheitstage und Kaufkraft auswirkt. Das Ergebnis war: In der Regensaison sank das Einkommen um 93%, während 72% der Befragten höhere Ausgaben hatten. Rikky koordiniert die Gruppe und sagte, dass diese unvorhersehbaren Wettereignisse zu “Krankheit, Verschuldung, Stress, Konflikten mit Anwohner*innen und höhere Level an Gewalt” führten.

Auch direkte Unterstützung wird oft in der trans* Community selbst organisiert, so bei den Überflutungen in Pakistan 2022. Laut Sana Ahmed von der Gender Interactive Alliance (GIA) wandten sich betroffene trans* Personen aus Sukkur und Larkana direkt an die Organisation, weil sie weder Zugang zu Nahrung noch einer Unterkunft hatten. Ein Mitglied aus der trans* Community entwickelte dann eine App, um Geld zu sammeln und mehr Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse aus der trans* Community zu lenken.

All das zeigt: Queere und trans* Personen sind von den Folgen der Klimakrise stark betroffen und ihre Situation und Bedürfnisse werden selten von Regierungen mitgedacht. Die Klimakrise ist hier und jetzt. Wenn wir unser gegenseitiges Überleben sichern wollen, müssen wir füreinander eintreten, damit alle verstehen: Keine Klimagerechtigkeit ohne queere und trans* Befreiung!

[1] “Aravani” ist der tamilische Begriff für gender-nonconforming Personen, deren Geschlechtsidentität und -ausdruck feminin sind. Das steht oft in Konflikt mit einer konservativen Umgebung und Ursprungsfamilie, die “männliches” Verhalten erwarten. Die Bezeichnung ist vor allem in Südindien und Sri Lanka verbreitet. In Nordindien wird die Bezeichnung “hijra” benutzt.

© 2024. This work is openly licensed via CC BY-NC 4.0 DEED

Vier-Tage-Woche für alle!

Ohne Arbeitszeitverkürzung keine Klimagerechtigkeit

Die Klimakrise zwingt uns dazu, unsere Gesellschaft neu zu denken. Der Wandel hin zu Klimagerechtigkeit ist herausfordernd, auch weil die Klimakrise mit anderen Krisen verschränkt ist: Politische, soziale und ökonomische Krisen. Dieser anhaltende Krisenmodus wirft grundlegende Fragen auf: Was braucht es für ein gutes Leben für alle? Wie würde das Leben in einer klimagerechten Welt aussehen? Wie würde es sich anfühlen?

Im Zentrum einer klimagerechten Gesellschaft würden die Bedürfnisse aller Menschen stehen statt Profite. Die Wirtschaft würde sich um die Sorge füreinander und unsere Umwelt drehen. Alle Menschen hätten Zugang zu Wohnraum, Nahrung und Gesundheit. Wir hätten genügend Zeit für uns und unsere Liebsten, für Dinge, die wir gerne tun, und für eine lebendige Demokratie. Diese Utopie mag in Zeiten von Klimakrise und Rechtsruck in weiter Ferne erscheinen, doch solche Visionen sind notwendig, um uns daran zu erinnern, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und es braucht konkrete Bausteine, die wir zu einer Vision der Gesellschaft zusammensetzen können. Ein solcher Baustein ist die kollektive Arbeitszeitverkürzung. Die Erwerbsarbeitszeit für alle auf eine 4-Tage-Woche und schrittweise auf 28-25-20 Stunden zu reduzieren, ist ein entscheidender Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit, weil er Raum für die Aushandlung schafft, welche Arbeiten wirklich wichtig sind. Eine Arbeitszeitverkürzung bringt die Frage auf den Tisch: Wofür leben wir eigentlich? Welche Arbeiten sind essentiell für ein gutes Leben für alle? Welche Formen von Arbeit sind es nicht?

Ungerecht verteilte Arbeit

Arbeit wird meist mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt, während andere Formen von Arbeit, wie unbezahlte Sorgearbeit, oft unbeachtet bleiben. Sorgearbeit umfasst Tätigkeiten wie Putzen, Pflegen von Angehörigen, Gärtnern, Selbstfürsorge, in emotionalen Krisen für andere da sein und politisches Engagement wie Ehrenamt oder Aktivismus. Diese Arbeiten sind gesellschaftlich notwendig, auch wenn sie oft unbezahlt sind – ohne sie würde nichts funktionieren. Ohne sie könnte kein Mensch eine Schicht im Büro oder Betrieb beginnen. Dennoch wird diese Arbeit oft nicht als Arbeit anerkannt oder gerecht entlohnt.

Besonders FLINTA* (Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre, trans* und agender Personen) leisten den Großteil dieser Arbeit. Studien zu Sorgearbeit tun oft so, als würde es nur zwei Geschlechter geben, und schauen selten auf Dimensionen wie Klasse, Sexualität, Aufenthaltsstatus und Rassismuserfahrungen. Weltweit leisten Frauen 76,2 Prozent aller unbezahlten Care-Arbeit (ILO, 2018). In Deutschland leisten Frauen täglich 79 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, was sich auf 9 Stunden mehr pro Woche summiert (Statistisches Bundesamt, 2024a). Das hat Auswirkungen darauf, wer wie viel Stunden Erwerbsarbeit nachgeht: In Deutschland machen 40 Prozent der Frauen, die Angehörige pflegen, gleichzeitig eine Erwerbsarbeit in Teilzeit. Bei Frauen mit Kindern sind es sogar 67 Prozent. Im Gegensatz dazu sind es nur 4 Prozent der männlichen Pflegenden, bei Männern mit Kindern sind es 9 Prozent (vgl. Kochskämper et al. 2020; Statistisches Bundesamt, 2024b). Diese Ungleichheit, bekannt als Gender Time Gap, hat gravierende Folgen: Menschen, die viel unbezahlte Care-Arbeit leisten, sind viel häufiger von Armut betroffen.

In Berufen wie der Altenpflege, in Kitas und Grundschulen arbeiten mehrheitlich Frauen und viele LGBTQI*-Personen (DIW, 2020). Diese Berufe werden strukturell abgewertet und gehen oft mit schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen einher. Menschen arbeiten in diesen Berufen oft in Teilzeit, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist. Die ungleiche Verteilung von Arbeit und Zeit beschränkt sich allerdings nicht nur auf Geschlechterunterschiede. Auch Klasse, Rassismus und Ableismus spielen eine Rolle. Menschen, die strukturelle Diskriminierung erleben, sind häufig ärmer und auf schlecht bezahlte Jobs angewiesen. Besonders prekär ist es für Menschen ohne Aufenthaltstitel oder Arbeitserlaubnis.

Ein Beispiel für besonders prekäre Arbeitsbedingungen ist die 24-Stunden-Betreuung: Viele pflegebedürftige Menschen in Deutschland werden von osteuropäischen Migrant*innen, meist Frauen, versorgt. Diese arbeiten oft für geringen Lohn und mit entgrenzten Arbeitszeiten. Das führt zu Versorgungslücken in den eigenen Familien dieser migrantischen Pflegekräfte. Häufig werden diese Lücken durch ältere Familienangehörige oder weitere migrantische Pfleger*innen kompensiert. So entstehen über nationale Grenzen hinweg „Globale Sorgeketten“ (Global Care Chains). Statt die Sorgearbeit zwischen verschiedenen Geschlechtern umzuverteilen und grundlegend anders zu organisieren, wird sie von in Ländern des Globalen Nordens oft an ärmere, migrantische Frauen ausgelagert.

Eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung ist also eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie schafft die Möglichkeit, Arbeit und Zeit für alle Beteiligten gerechter zu verteilen. Eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich könnte dazu beitragen, unbezahlte Sorgearbeit umzuverteilen und die Belastung von Beschäftigten, z.B. in der Altenpflege, zu verringern. Dies würde insbesondere FLINTA* und Migrant*innen zugutekommen, die den Großteil dieser so notwendigen Arbeit leisten.

Arbeitszeitverkürzung als Werkzeug

Historisch setzten sich Arbeiter*innen immer wieder für eine Arbeitszeitverkürzung ein. Ein 7-wöchiger Streik der Beschäftigten in der westdeutschen Metallindustrie 1984 brach die 40-Stunden-Woche: Nach Aussperrungen und Gerichtsverfahren erkämpften die Arbeiter*innen eine Reduzierung ihrer Wochenarbeitszeit auf 38,5 Stunden. Es dauerte noch 11 weitere Jahre bis die Arbeitgeber*innen der bis 1995 die Arbeitgeber*innen der Reduzierung auf 35 Stunden zustimmten. Auch die Tarifverhandlungen der Lokführergewerkschaft mit der Deutschen Bahn führen zu einer stufenweisen Reduzierung der Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Solche Kämpfe zeigen, dass Veränderungen möglich sind, wenn genügend Druck ausgeübt wird.

Für eine zukunftsfähige, klimagerechte Wirtschaft brauchen wir dringend eine kollektive, also branchenübergreifende Arbeitszeitverkürzung. Konkret schlagen wir eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden in einer 4-Tage-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich vor. Mit vollem Personalausgleich ist gemeint, dass für das Senken der Arbeitsstunden mehr Menschen eingestellt werden müssen. Konkret verhindert das die stärkere Verdichtung von Arbeitszeit für Menschen. Längerfristig sollten wir einen Reduktion hin zu 20 bis 25 Wochenstunden anstreben, um Arbeit und verfügbare Zeit noch stärker umzuverteilen.

Mehr Zeit für ein gutes Leben: Die 4-Tage-Woche

Ein Pilotprojekt in Großbritannien, bei dem rund 60 Unternehmen eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich einführten, zeigte positive Auswirkungen wie weniger Stress und gesunkenes Burnout-Niveau bei gleichbleibender Produktivität (Frey, 2023). Weniger Erwerbsarbeit bedeutet auch mehr Zeit für persönliche Interessen und Selbstfürsorge, was letztlich zu einer höheren Lebensqualität beiträgt. Zudem öffnet weniger Erwerbsarbeit auch Raum dafür, die Verteilung und Übernahme unbezahlter Sorgearbeit neu zu verhandeln. Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung führt nicht nur zu einer verbesserten Lebensqualität und einer Umverteilung von Arbeit, sondern ist ebenso notwendig für einen sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft. Klimaschädliche Bereiche, wie die Chemieindustrie, die fossile Energiebranche oder die Rüstungsindustrie müssen rückgebaut und umgewandelt werden. Stattdessen sollten klimafreundliche und lebensnotwendige Bereiche wie eine solidarische Gesundheitsversorgung, resiliente und ökologische Ernährungssysteme und der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ausgebaut werden. Dieser Umbau kann durch eine Arbeitszeitverkürzung gefördert werden.

Eine Arbeitszeitverkürzung kann dazu beitragen, die Menge an produzierten Gütern zu reduzieren, was zu weniger Ressourcenverbrauch und geringeren Treibhausgasemissionen führt. Das ist gut fürs Klima. Beim Ausbau von Care-Infrastrukturen wie Kitas und Krankenhäusern kann eine Arbeitszeitverkürzung dazu beitragen, dass mehr Menschen diese Arbeit langfristig leisten können, ohne auszubrennen – auch weil sie selbstbestimmter über ihre Zeit verfügen könnten. Und weil die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Personalausgleich geschehen soll. Das ist notwendig, wenn wir Sorge ins Zentrum stellen wollen.

Weniger Erwerbsarbeit heißt auch mehr Zeit für demokratische Mitgestaltung und Engagement. Unsere Gesellschaft lebt von Menschen, die sich einbringen, in Nachbarschaftsinitiativen, sozialen Zentren oder Sportvereinen. Doch wer hat Zeit dafür? Menschen, die neben ihrem Job noch viel unbezahlte Care-Arbeit leisten, wohl kaum. Auch Menschen, die mehrere Jobs haben, um finanziell über die Runden zu kommen, können gesellschaftliches Engagement schon rein zeitlich nicht leisten, abgesehen davon, dass sie nach einer 40-Stunden-Woche dafür keine Kraft mehr haben. Aktuelle Krisen wie hohe Inflation oder steigende Mieten verschärfen für viele ihre finanzielle Situation und kosten emotionale Ressourcen. Neben politischen Maßnahmen braucht es auch eine gewerkschaftlich erwirkte Arbeitszeitverkürzung, um dem zu begegnen. Es müssen entsprechende Bedingungen geschaffen werden, damit alle Menschen ihre Grundbedürfnisse erfüllen können, ohne auszubrennen oder stärker von Armut betroffen zu sein. Menschen brauchen mehr freie Zeit, um mit ihren Perspektiven die Gesellschaft zu bereichern. Insbesondere mit Blick auf das Erstarken rechter Parteien sind Räume, in denen wir uns respektvoll und wohlwollend begegnen können und von unterschiedlichen Lebensrealitäten lernen können, dringend notwendig. Auch um uns zu verbinden und zu verbünden. Für solche Räume braucht es Zeit.

Eine klimagerechte Gesellschaft gestalten

Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung lädt uns ein, über unsere eigene Verwendung von Zeit und die Hierarchisierung von verschiedenen Arbeiten nachzudenken. Welche Arbeiten sind unverzichtbar für ein gutes Leben für alle? Wie gestalten wir eine Gesellschaft, die das Lebensnotwendige in den Mittelpunkt rückt?

Um das Leben und die Bedürfnisse der Menschen und Lebewesen über Profite zu stellen, müssen wir grundlegend neu aushandeln, welche Arbeiten wichtig sind. Ein wichtiger Punkt dabei ist eine kollektive Arbeitszeitverkürzung, die Raum für solche Diskussionen öffnet. Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung ist ein konkreter Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit, weil mit ihr Care ins Zentrum der Wirtschaft rücken kann. Sorgearbeit in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet, dass wir den Ausbau von Care-Infrastrukturen vorantreiben müssen. Die Arbeitsbedingungen für Menschen in der bezahlten Care-Arbeit müssen sich verbessern, damit der gesellschaftliche Bedarf nach guter Sorge endlich gedeckt werden kann. Und unbezahlte Care-Arbeit muss als Arbeit anerkannt, wertgeschätzt und gerechter verteilt werden. Für all das braucht es eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung mit vollem Personal- und Lohnausgleich.

Die Umverteilung von Arbeit und Zeit ist längst notwendig und überfällig. Die Norm einer 40-Stunden-Woche ist weder aus sozialer noch ökologischer Perspektive zukunftsfähig. Wir brauchen eine Arbeitszeitverkürzung für alle, um Geschlechtergerechtigkeit und Klimagerechtigkeit zu erreichen. Nur durch die Umverteilung von Arbeit und Zeit können wir einem guten Leben für alle näherkommen: Ein Leben, in dem sich alle aufgehoben und umsorgt fühlen und nicht um ihre Gesundheit und Existenz bangen müssen. Daher wollen wir heute und nicht irgendwann: Die 4-Tage-Woche für alle!

Quellen

DIW (2020). DIW Wochenbericht: LGBTQI*-Menschen am Arbeitsmarkt: hoch gebildet und oftmals diskriminiert.  

Frey, P. [Hrsg.] (2023). Die Vier-Tage-Woche im Vereinigten Königreich. Die Ergebnisse des bislang größten Pilotprojekts weltweit. 

Globale Sorgeketten: Blogbeitrag von OXI

IG Metall (2024). Legendärer Streik: So hart lief der Kampf für die 35-Stunden-Woche

International Labour Organization [ILO] (2018). Care Work and Care Jobs For the Future of Decent Work 

Kochskämpfer, S., Neumeister, S. Und Stockhausen, M. (2020) IW-Trends 4/2020 Wer pflegt wann und wie viel? Eine Bestandsaufnahme zur häuslichen Pflege in Deutschland.

Statistisches Bundesamt (2024a). Wo bleibt die Zeit? Ergebnisse zur Zeitverwendung in Deutschland 2022

Statistisches Bundesamt (2024b). Teilzeitquote erneut leicht gestiegen auf 31 % im Jahr 2023. Pressemitteilung Nr. N017 vom 26. April 2024

Dieser Blogbeitrag wurde erstmals bei nachhaltigejobs.de veröffentlicht.

© 2024. This work is openly licensed via CC BY-NC 4.0 DEED

Wasserstoff und Klimagerechtigkeit: Kein schöner Gas?

Energiekolonialismus: Die europäischen Importpläne

Wasserstoff wird als Klimalösung häufig überbewertet. Durch die europäische Importpläne droht sogar ein erneuerter Energiekolonialismus.

Wasserstoff erlebt derzeit einen regelrechten Hype. Die Ampel will die erst 2020 in der Nationalen Wasserstoffstrategie beschlossenen Ausbauziele für 2030 verdoppeln. Auch die EU forciert infolge des Ukraine-Kriegs ihre Importpläne. Auf das eigentlich farblose Gas H2 wird längst ein eigenes Farbspektrum projiziert: Grauer Wasserstoff aus Erdgas, blauer aus Erdgas mit CO2-Abscheidung, pinker aus Atomenergie, grüner aus Erneuerbaren usw. Sportwagenfans etwa möchten den röhrenden Verbrenner-Sound über wasserstoffbasierte „e-Fuels“ retten. Die sind im Vergleich zum Elektroauto ineffizient und teuer, doch die FDP lässt ihre Klientel nicht im Stich.

Vor allem aber wittert die Gasindustrie ihre Überlebenschance – nicht nur durch „graues“ H2, sondern auch durch Umwidmung ihrer Transportnetzwerke. Die entlang der Küsten geplanten LNG-Terminals für Flüssiggasimporte sollen laut Regierung „H2-ready“ sein, also bereit für eine spätere Umstellung auf Wasserstoff. Vorschriften gibt es dafür aber keine. Laut Expert*innen wäre eine ernsthafte Umrüstung, über die Beimischung einiger Prozent Wasserstoff in die Erdgasnetze hinaus, aufwändig und teuer. Viele raten, gleich neue Wasserstoffnetze zu bauen, die sich am zukünftigen Wasserstoffbedarf statt am heutigen Erdgasbedarf orientieren.

Klar ist: Nur „grüner“ Wasserstoff aus erneuerbaren Energien kann überhaupt je klimafreundlich sein. Die Industrie redet dagegen gern von „clean“ oder „low-carbon hydrogen“, das alles von Atomenergie bis zu fossilem H2 mit bis heute nicht marktreifer CO2-Verklappung (CCS) einschließen soll. Selbst mit CCS aber wäre bei Produktion und Transport schon reichlich klimaschädliches Methan entwichen. „Grüner“ Wasserstoff wiederum wird knapp und teuer bleiben, da er zusätzlichen erneuerbaren Strom braucht – zusätzlich zu einem noch längst nicht erreichten 100% erneuerbaren Strommix. Daher fordern Verbände eine politische Priorisierung der Einsatzgebiete, etwa als Energiespeicher oder für bestimmte Industrieprozesse, aber nicht in besser direkt elektrifizierbaren Pkw oder Heizungen. Fragwürdig sind ebenso die Pläne der Flugindustrie, fortgesetztes massives Wachstum des Flugverkehrs über Wasserstofftechnologien zu realisieren, die noch einige Jahrzehnte bis zur Marktreife benötigen werden, nicht alle klimaschädlichen Effekte des Fliegens neutralisieren und einen gigantischen Energiebedarf nach sich ziehen würden.

All das ist wissenschaftlich relativ unstrittig und relativiert den „grünen“ Wasserstoffhype erheblich. Wer zu viel auf Wasserstoff setzt, wird ihn am Ende direkt oder indirekt aus fossilem Strom erzeugen oder „grau“ von der Gasindustrie beziehen müssen – genau deren Kalkül.

Doch die Industrie rechnet noch mit einem ganz anderen Faktor: geoökonomische Macht.

Selbst bei ausgewähltem, nur „grünem“ Wasserstoffeinsatz wird angenommen, dass ein Großteil des deutschen und europäischen Bedarfs importiert werden müsste. Als Exportländer sind neben der nun wohl erst einmal ausscheidenden Ukraine vor allem nord- und westafrikanische Staaten vorgesehen, in denen meist ein hoher Bevölkerungsanteil bislang noch gar keinen Zugang zu Strom hat, geschweige denn zu erneuerbarem. Nun planen dort westliche Konzerne mit Unterstützung staatlicher Förderprogramme wie „H2Global“ allerlei Megaprojekte, die massenhaft erneuerbaren Strom erzeugen, in Wasserstoff umwandeln und per Pipeline oder Schiff nach Europa schicken sollen. Weitere Hauptzutat ist das in vielen dieser Regionen ohnehin knappe Süßwasser. Bei der Alternative Meerwasserentsalzung drohen wiederum ökologische Folgeprobleme durch die übrigbleibende Schlacke, die meist ins Meer zurückgekippt wird. Für die Energieerzeugung werden große Flächen beansprucht, darunter die günstigsten Standorte für Erneuerbare – nicht für die Ernährung oder Energieversorgung der lokalen Bevölkerung, sondern damit die EU-Industrie mit neuem Treibstoff weiterwachsen kann.

Europa will also weiterhin selbstverständlich über die Ressourcen des globalen Südens verfügen. Umweltverbände und selbst der Nationale Wasserstoffrat haben zwar Kriterienlisten für faire Importe entworfen, doch unter den gegebenen Machtverhältnissen drohen diese wie so häufig als hübsche Ornamente zu enden. Wasserstoffimporte werden schon infrastrukturell kaum als kleine Fairtrade-Projekte realisierbar sein – und dass sie möglichst billig sein sollen, ist nun mal Ausgangspunkt des Vorhabens.

Wasserstoff ist ein relevanter Baustein, aber nicht die magische Energie- und Klimalösung. Zur Rechtfertigung neuer fossiler Gasanlagen taugt er ebenso wenig wie als Schlüssel zu einer plötzlich solidarischen Nord-Süd-Zusammenarbeit – oder zur technischen Umgehung überfälliger gesellschaftlicher Veränderungen. Aus Klimagerechtigkeitsperspektive ergibt sich die Forderung: Degrowth first, hydrogen second. Auf einen begrenzten, gezielten Einsatz mit strengen Importkriterien kommt es an.

Eine andere Fassung dieses Textes erschien am 15.07.2022 im nd.

Mehr zu diesen Zusammenhängen und den Handlungsmöglichkeiten für soziale Bewegungen erfahrt ihr in unserem Dossier Wasserstoff und Klimagerechtigkeit.