In der zweiten Staffel unseres Podcasts „Danke für Nichts“ beschäftigten wir uns intensiv mit Arbeitskämpfen in der Care-Arbeit. In fünf Interviews diskutierten wir mit unseren Gäst*innen, lernten voneinander und setzten uns damit auseinander, wie konkrete Arbeitskämpfe in der bezahlten Care-Arbeit aussehen können – und wie sich unbezahlte Care-Arbeit auf Lohnarbeitsverhältnisse auswirkt. In diesem Beitrag möchten wir unsere zentralen Erkenntnisse und Reflektionen aus der Staffel teilen.
Während innerhalb feministischer Initiativen und Bewegungen das Bewusstsein für Klassenverhältnisse zum Teil wächst, wird zugleich deutlich, dass marginalisierte Communities in der Berücksichtigung ihrer Kämpfe weiterhin unterrepräsentiert sind. Insbesondere mit Blick auf die Frage, wer in etablierten Gewerkschaften aktiv ist und wer nicht, zeigt sich: Die Ansprache u.a. an trans* Personen, pflegenden Angehörigen und BiPoCs ist ausbaufähig. Gleichzeitig bestehen die Arbeitskämpfe marginalisierter Personen sehr wohl. Viele organisieren sich außerhalb klassischer Gewerkschaftsstrukturen und versuchen so, präsenter zu werden und Druck auf Arbeitgeber*innen auszuüben oder setzen sich für arbeitsrechtliche Verbesserungen ein.
Im Zuge dessen haben wir gelernt, wie vielschichtig gewerkschaftliche Arbeit im Care-Kontext sein kann. Care-Arbeit wird – unbezahlt und bezahlt – oftmals unter prekären Arbeitsbedingungen geleistet. Aufgrund dessen zeigt sich, dass ein Gewerkschaftsverständnis, das sich primär an tarifgebundenen Zielgruppen orientiert, nicht ausreicht, um Care-Arbeitskämpfe zu stärken. Wir gehen vielmehr davon aus, dass auch all jene Gruppen und Personen, die sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Care-Arbeiter*innen einsetzen, gewerkschaftliche Arbeit leisten – seien es Selbstorganisierungen, Mutual Aid-Netzwerke[1] oder selbstorganisierte Arbeitsgruppen.
Unsere Vision ist grundlegend: Care soll ins Zentrum der Gesellschaft rücken und neu organisiert, letztlich vergesellschaftet werden. Unser Podcast versteht sich als ein Beitrag zu dieser Vision – als Impulsgeber für Diskussionen und politische Auseinandersetzungen.
In der ersten Folge sprachen wir gemeinsam mit Ariane von ver.di Stuttgart und Tabea von Leipzig steht zusammen darüber, wie Bündnisse und Gewerkschaften gemeinsam feministisch streiken können und welchen Herausforderungen sie dabei begegnen. Es zeigte sich, dass es insbesondere rund um den 8. März und großen Tarifrunden bereits wichtige Schnittstellen gibt, an denen sich Aktivist*innen mit Kolleg*innen vernetzen und politische Arbeit leisten. Gleichzeitig wurde deutlich, an welchen Stellen feministische Anliegen innerhalb von Gewerkschaften noch stärker verankert werden müssen.
Mit Halina vollzogen wir in der zweiten Folge einen Perspektivwechsel und fragten uns, welchen Hürden pflegende Angehörige begegnen und wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Wegen des Care-Bedarfs ihres Kindes und mangelnder Rücksichtnahme ihrer Arbeitgeber*in, kann sie ihrer Erwerbstätigkeit derzeit nicht nachgehen. Aus ihrer Sicht wurde klar, dass ihre Gewerkschaft ver.di erheblichen Nachholbedarf hat: Weder fühlt sie sich mit ihren Care- und Lohnarbeitskämpfen ausreichend angesprochen, noch ist es für sie selbstverständlich, dort einen Raum zu finden – und das, obwohl sie seit ihrer Jugend gewerkschaftlich organisiert ist.
Janet und Maria von der Organisation Trabajo Migrante/Bloque Latinoamericano berichteten in der dritten Folge von ihren Arbeitsbedingungen und Kämpfen als migrantische Care-Arbeiter*innen. Während Janet ihre Erfahrungen als Au-Pair teilte, zeigte Maria auf, wie sich Au-Pairs organisieren und welchen strukturellen Problemen sie begegnen. Deutlich wurde dabei, wie sehr ihre Arbeit als „kultureller Austausch“ romantisiert wird: 280 Euro „Taschengeld“ können nicht als gerechter Lohn gelten. Hinzu kommen soziale Isolation, Überstunden, Abhängigkeit von den Arbeitgeber*innen für den Aufenthaltsstatus sowie keine finanzielle Sicherheit und mangelnder Kündigungsschutz.In dem Gespräch wurde deutlich, wie Au-Pairs Teil globaler Sorgeketten[2] sind, in denen Care-Arbeit zur Ware wird und Ausbeutung migrantischer Sorgerbeiter*innen – insbesondere im Globalen Norden – strukturell verankert ist.
Wie es Erzieher*innen in Sachsen geht, besprachen wir in der vierten Folge mit der ver.di-Aktiven und Erzieherin Maria. Vor dem Hintergrund aktueller Kita-Streiks, Kürzungen im sozialen Bereich und einem – im bundesweiten Vergleich ohnehin – unterdurchschnittlichen Betreuungsschlüssel in Sachsen[3] wurde deutlich, welche Forderungen Erzieher*innen stellen. Trotz alledem betont Maria, wie sie Sinn in ihrer Arbeit findet und welche Rolle gewerkschaftliche Organisierung dabei spielt. Einen lokalen Anküpfungspunkt für Pädagog*innen organisiert ver.di bspw. mit dem Stammtisch Sozial- und Erziehungsdienst in Leipzig – ab 2026 findet er monatlich als Netzwerktreffen Sozial- und Erziehungsdienst statt.
Trotz inhaltlicher und organisatorischer Unterschiede zwischen den verschiedenen Interviewpartner*innen eint sie vor allem eines: Ihre Care-Arbeit wird systematisch abgewertet, Organisierung ist herausfordernd und viele Kämpfe bleiben voneinander isoliert. Aus der Vielfalt der Kämpfe lassen sich dennoch grundlegende Erkenntnisse für politische Debatten um Care-Arbeit ziehen. Einerseits bestehen trotz wichtiger Errungenschaften weiterhin Leerstellen, die wir wahrnehmen und gemeinsam bearbeiten möchten. Andererseits zeigen sich Konflikte darüber, was als Care-Arbeit gilt und wer davon in welchem Ausmaß betroffen ist. Besonders Arbeitskämpfe abseits von Kita, Krankenhaus oder Schule, haben es schwer, Sichtbarkeit zu erlangen.
Im Zentrum der fünften Folge steht ein Interview mit Schotter von Trans*Sexworks.. Schotter berichtet von der Unterstützung, die sich trans* Sexarbeiter*innen geben: Sei es auf Touren mit dem Lastenfahrrad, in dem wichtige Arbeitsmittel wie Kondome, Taschentücher, Reinigungstücher, Desinfektionsspray, Traubenzucker verteilt werden. Oder sei es in regelmäßigen Community Abenden und den Kämpfen um ein Café für trans* Sexarbeiter*innen im Berliner Frobekiez, Schotter erzählt, dass die Mutail-Aid-Gruppe Trans*Sexworks Schwierigkeiten hat, eigene Räumlichkeiten zu finden und innerhalb von feministischen Bewegungen und gewerkschaftlichen Kontexten berücksichtigt zu werden. Da gibt’s viel Luft nach Oben!
Unabhängig von der eigenen Erfahrung oder Lebensrealität eröffnet die zweite Staffel Möglichkeiten, um sich aufeinander zu beziehen, zu vernetzen und Care-bezogene Arbeitskämpfe sichtbar zu machen – von trans* Sexarbeiter*innen ebenso wie von Alleinerziehenden, pflegenden Angehörigen oder Au-Pairs, die sich von tariforientierten Gewerkschaften oft nicht angesprochen fühlen.
Deutlich wird in dieser Staffel außerdem, dass Kürzungspolitiken in der bezahlten Care-Arbeit massive Auswirkungen auf Arbeitsqualität sowie auf die körperliche und psychische Gesundheit der Kolleg*innen haben. Die zunehmende Fragmentierung von Arbeitskämpfen ist dabei eine besorgniserregende Entwicklung. Ideologische und arbeitsrechtliche Trennungen sichtbar zu machen und trans*feministische und anti-rassistische Strukturen innergewerkschaftlich zu festigen, könnte ein Schlüssel für stärkere feministische Bündnisse sein.
Mit Freude sehen wir die kämpferische Entschlossenheit von Aktiven wie Maria, Tabea und Ariane – ebenso wie die Widerstände, denen sie begegnen. Streiks und Arbeitskämpfe sind zentrale Werkzeuge, Mutual Aid und Community Support ebenso. Wir ziehen für uns den Schluss, dass wir sowohl aktive Arbeitskämpfe unterstützen als auch marginalisierte Perspektiven (darin) sichtbar machen möchten – in der Hoffnung auf einen solidarischen, lautstarken, vielfältigen und klassenkämpferischen 8. März 2026. Und darüber hinaus.
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Links:
Danke für Nichts: Der feministische Podcast zu Wirtschaft und Care
Netzwerktreffen Sozial- und Erziehungsdienst Leipzig
- Mutual Aid bezeichnet solidarische und partizipative Zusammenschlüsse zur kollektiven Verbesserung von Lebensbedingungen und Bedürfniserfüllung. ↩︎
- Globale Sorgeketten beschreiben Migrationsbewegungen von größtenteils Frauen, die im globalen Norden Care-Berufe ausüben – wodurch zum Teil Versorgungslücken in ihren Familien und Communities entstehen. ↩︎
- Siehe u.a. hier. ↩︎
