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Vier-Tage-Woche für alle!

Ohne Arbeitszeitverkürzung keine Klimagerechtigkeit

Die Klimakrise zwingt uns dazu, unsere Gesellschaft neu zu denken. Der Wandel hin zu Klimagerechtigkeit ist herausfordernd, auch weil die Klimakrise mit anderen Krisen verschränkt ist: Politische, soziale und ökonomische Krisen. Dieser anhaltende Krisenmodus wirft grundlegende Fragen auf: Was braucht es für ein gutes Leben für alle? Wie würde das Leben in einer klimagerechten Welt aussehen? Wie würde es sich anfühlen?

Im Zentrum einer klimagerechten Gesellschaft würden die Bedürfnisse aller Menschen stehen statt Profite. Die Wirtschaft würde sich um die Sorge füreinander und unsere Umwelt drehen. Alle Menschen hätten Zugang zu Wohnraum, Nahrung und Gesundheit. Wir hätten genügend Zeit für uns und unsere Liebsten, für Dinge, die wir gerne tun, und für eine lebendige Demokratie. Diese Utopie mag in Zeiten von Klimakrise und Rechtsruck in weiter Ferne erscheinen, doch solche Visionen sind notwendig, um uns daran zu erinnern, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und es braucht konkrete Bausteine, die wir zu einer Vision der Gesellschaft zusammensetzen können. Ein solcher Baustein ist die kollektive Arbeitszeitverkürzung. Die Erwerbsarbeitszeit für alle auf eine 4-Tage-Woche und schrittweise auf 28-25-20 Stunden zu reduzieren, ist ein entscheidender Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit, weil er Raum für die Aushandlung schafft, welche Arbeiten wirklich wichtig sind. Eine Arbeitszeitverkürzung bringt die Frage auf den Tisch: Wofür leben wir eigentlich? Welche Arbeiten sind essentiell für ein gutes Leben für alle? Welche Formen von Arbeit sind es nicht?

Ungerecht verteilte Arbeit

Arbeit wird meist mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt, während andere Formen von Arbeit, wie unbezahlte Sorgearbeit, oft unbeachtet bleiben. Sorgearbeit umfasst Tätigkeiten wie Putzen, Pflegen von Angehörigen, Gärtnern, Selbstfürsorge, in emotionalen Krisen für andere da sein und politisches Engagement wie Ehrenamt oder Aktivismus. Diese Arbeiten sind gesellschaftlich notwendig, auch wenn sie oft unbezahlt sind – ohne sie würde nichts funktionieren. Ohne sie könnte kein Mensch eine Schicht im Büro oder Betrieb beginnen. Dennoch wird diese Arbeit oft nicht als Arbeit anerkannt oder gerecht entlohnt.

Besonders FLINTA* (Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre, trans* und agender Personen) leisten den Großteil dieser Arbeit. Studien zu Sorgearbeit tun oft so, als würde es nur zwei Geschlechter geben, und schauen selten auf Dimensionen wie Klasse, Sexualität, Aufenthaltsstatus und Rassismuserfahrungen. Weltweit leisten Frauen 76,2 Prozent aller unbezahlten Care-Arbeit (ILO, 2018). In Deutschland leisten Frauen täglich 79 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, was sich auf 9 Stunden mehr pro Woche summiert (Statistisches Bundesamt, 2024a). Das hat Auswirkungen darauf, wer wie viel Stunden Erwerbsarbeit nachgeht: In Deutschland machen 40 Prozent der Frauen, die Angehörige pflegen, gleichzeitig eine Erwerbsarbeit in Teilzeit. Bei Frauen mit Kindern sind es sogar 67 Prozent. Im Gegensatz dazu sind es nur 4 Prozent der männlichen Pflegenden, bei Männern mit Kindern sind es 9 Prozent (vgl. Kochskämper et al. 2020; Statistisches Bundesamt, 2024b). Diese Ungleichheit, bekannt als Gender Time Gap, hat gravierende Folgen: Menschen, die viel unbezahlte Care-Arbeit leisten, sind viel häufiger von Armut betroffen.

In Berufen wie der Altenpflege, in Kitas und Grundschulen arbeiten mehrheitlich Frauen und viele LGBTQI*-Personen (DIW, 2020). Diese Berufe werden strukturell abgewertet und gehen oft mit schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen einher. Menschen arbeiten in diesen Berufen oft in Teilzeit, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist. Die ungleiche Verteilung von Arbeit und Zeit beschränkt sich allerdings nicht nur auf Geschlechterunterschiede. Auch Klasse, Rassismus und Ableismus spielen eine Rolle. Menschen, die strukturelle Diskriminierung erleben, sind häufig ärmer und auf schlecht bezahlte Jobs angewiesen. Besonders prekär ist es für Menschen ohne Aufenthaltstitel oder Arbeitserlaubnis.

Ein Beispiel für besonders prekäre Arbeitsbedingungen ist die 24-Stunden-Betreuung: Viele pflegebedürftige Menschen in Deutschland werden von osteuropäischen Migrant*innen, meist Frauen, versorgt. Diese arbeiten oft für geringen Lohn und mit entgrenzten Arbeitszeiten. Das führt zu Versorgungslücken in den eigenen Familien dieser migrantischen Pflegekräfte. Häufig werden diese Lücken durch ältere Familienangehörige oder weitere migrantische Pfleger*innen kompensiert. So entstehen über nationale Grenzen hinweg „Globale Sorgeketten“ (Global Care Chains). Statt die Sorgearbeit zwischen verschiedenen Geschlechtern umzuverteilen und grundlegend anders zu organisieren, wird sie von in Ländern des Globalen Nordens oft an ärmere, migrantische Frauen ausgelagert.

Eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung ist also eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie schafft die Möglichkeit, Arbeit und Zeit für alle Beteiligten gerechter zu verteilen. Eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich könnte dazu beitragen, unbezahlte Sorgearbeit umzuverteilen und die Belastung von Beschäftigten, z.B. in der Altenpflege, zu verringern. Dies würde insbesondere FLINTA* und Migrant*innen zugutekommen, die den Großteil dieser so notwendigen Arbeit leisten.

Arbeitszeitverkürzung als Werkzeug

Historisch setzten sich Arbeiter*innen immer wieder für eine Arbeitszeitverkürzung ein. Ein 7-wöchiger Streik der Beschäftigten in der westdeutschen Metallindustrie 1984 brach die 40-Stunden-Woche: Nach Aussperrungen und Gerichtsverfahren erkämpften die Arbeiter*innen eine Reduzierung ihrer Wochenarbeitszeit auf 38,5 Stunden. Es dauerte noch 11 weitere Jahre bis die Arbeitgeber*innen der bis 1995 die Arbeitgeber*innen der Reduzierung auf 35 Stunden zustimmten. Auch die Tarifverhandlungen der Lokführergewerkschaft mit der Deutschen Bahn führen zu einer stufenweisen Reduzierung der Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Solche Kämpfe zeigen, dass Veränderungen möglich sind, wenn genügend Druck ausgeübt wird.

Für eine zukunftsfähige, klimagerechte Wirtschaft brauchen wir dringend eine kollektive, also branchenübergreifende Arbeitszeitverkürzung. Konkret schlagen wir eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden in einer 4-Tage-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich vor. Mit vollem Personalausgleich ist gemeint, dass für das Senken der Arbeitsstunden mehr Menschen eingestellt werden müssen. Konkret verhindert das die stärkere Verdichtung von Arbeitszeit für Menschen. Längerfristig sollten wir einen Reduktion hin zu 20 bis 25 Wochenstunden anstreben, um Arbeit und verfügbare Zeit noch stärker umzuverteilen.

Mehr Zeit für ein gutes Leben: Die 4-Tage-Woche

Ein Pilotprojekt in Großbritannien, bei dem rund 60 Unternehmen eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich einführten, zeigte positive Auswirkungen wie weniger Stress und gesunkenes Burnout-Niveau bei gleichbleibender Produktivität (Frey, 2023). Weniger Erwerbsarbeit bedeutet auch mehr Zeit für persönliche Interessen und Selbstfürsorge, was letztlich zu einer höheren Lebensqualität beiträgt. Zudem öffnet weniger Erwerbsarbeit auch Raum dafür, die Verteilung und Übernahme unbezahlter Sorgearbeit neu zu verhandeln. Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung führt nicht nur zu einer verbesserten Lebensqualität und einer Umverteilung von Arbeit, sondern ist ebenso notwendig für einen sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft. Klimaschädliche Bereiche, wie die Chemieindustrie, die fossile Energiebranche oder die Rüstungsindustrie müssen rückgebaut und umgewandelt werden. Stattdessen sollten klimafreundliche und lebensnotwendige Bereiche wie eine solidarische Gesundheitsversorgung, resiliente und ökologische Ernährungssysteme und der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ausgebaut werden. Dieser Umbau kann durch eine Arbeitszeitverkürzung gefördert werden.

Eine Arbeitszeitverkürzung kann dazu beitragen, die Menge an produzierten Gütern zu reduzieren, was zu weniger Ressourcenverbrauch und geringeren Treibhausgasemissionen führt. Das ist gut fürs Klima. Beim Ausbau von Care-Infrastrukturen wie Kitas und Krankenhäusern kann eine Arbeitszeitverkürzung dazu beitragen, dass mehr Menschen diese Arbeit langfristig leisten können, ohne auszubrennen – auch weil sie selbstbestimmter über ihre Zeit verfügen könnten. Und weil die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Personalausgleich geschehen soll. Das ist notwendig, wenn wir Sorge ins Zentrum stellen wollen.

Weniger Erwerbsarbeit heißt auch mehr Zeit für demokratische Mitgestaltung und Engagement. Unsere Gesellschaft lebt von Menschen, die sich einbringen, in Nachbarschaftsinitiativen, sozialen Zentren oder Sportvereinen. Doch wer hat Zeit dafür? Menschen, die neben ihrem Job noch viel unbezahlte Care-Arbeit leisten, wohl kaum. Auch Menschen, die mehrere Jobs haben, um finanziell über die Runden zu kommen, können gesellschaftliches Engagement schon rein zeitlich nicht leisten, abgesehen davon, dass sie nach einer 40-Stunden-Woche dafür keine Kraft mehr haben. Aktuelle Krisen wie hohe Inflation oder steigende Mieten verschärfen für viele ihre finanzielle Situation und kosten emotionale Ressourcen. Neben politischen Maßnahmen braucht es auch eine gewerkschaftlich erwirkte Arbeitszeitverkürzung, um dem zu begegnen. Es müssen entsprechende Bedingungen geschaffen werden, damit alle Menschen ihre Grundbedürfnisse erfüllen können, ohne auszubrennen oder stärker von Armut betroffen zu sein. Menschen brauchen mehr freie Zeit, um mit ihren Perspektiven die Gesellschaft zu bereichern. Insbesondere mit Blick auf das Erstarken rechter Parteien sind Räume, in denen wir uns respektvoll und wohlwollend begegnen können und von unterschiedlichen Lebensrealitäten lernen können, dringend notwendig. Auch um uns zu verbinden und zu verbünden. Für solche Räume braucht es Zeit.

Eine klimagerechte Gesellschaft gestalten

Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung lädt uns ein, über unsere eigene Verwendung von Zeit und die Hierarchisierung von verschiedenen Arbeiten nachzudenken. Welche Arbeiten sind unverzichtbar für ein gutes Leben für alle? Wie gestalten wir eine Gesellschaft, die das Lebensnotwendige in den Mittelpunkt rückt?

Um das Leben und die Bedürfnisse der Menschen und Lebewesen über Profite zu stellen, müssen wir grundlegend neu aushandeln, welche Arbeiten wichtig sind. Ein wichtiger Punkt dabei ist eine kollektive Arbeitszeitverkürzung, die Raum für solche Diskussionen öffnet. Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung ist ein konkreter Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit, weil mit ihr Care ins Zentrum der Wirtschaft rücken kann. Sorgearbeit in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet, dass wir den Ausbau von Care-Infrastrukturen vorantreiben müssen. Die Arbeitsbedingungen für Menschen in der bezahlten Care-Arbeit müssen sich verbessern, damit der gesellschaftliche Bedarf nach guter Sorge endlich gedeckt werden kann. Und unbezahlte Care-Arbeit muss als Arbeit anerkannt, wertgeschätzt und gerechter verteilt werden. Für all das braucht es eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung mit vollem Personal- und Lohnausgleich.

Die Umverteilung von Arbeit und Zeit ist längst notwendig und überfällig. Die Norm einer 40-Stunden-Woche ist weder aus sozialer noch ökologischer Perspektive zukunftsfähig. Wir brauchen eine Arbeitszeitverkürzung für alle, um Geschlechtergerechtigkeit und Klimagerechtigkeit zu erreichen. Nur durch die Umverteilung von Arbeit und Zeit können wir einem guten Leben für alle näherkommen: Ein Leben, in dem sich alle aufgehoben und umsorgt fühlen und nicht um ihre Gesundheit und Existenz bangen müssen. Daher wollen wir heute und nicht irgendwann: Die 4-Tage-Woche für alle!

Quellen

DIW (2020). DIW Wochenbericht: LGBTQI*-Menschen am Arbeitsmarkt: hoch gebildet und oftmals diskriminiert.  

Frey, P. [Hrsg.] (2023). Die Vier-Tage-Woche im Vereinigten Königreich. Die Ergebnisse des bislang größten Pilotprojekts weltweit. 

Globale Sorgeketten: Blogbeitrag von OXI

IG Metall (2024). Legendärer Streik: So hart lief der Kampf für die 35-Stunden-Woche

International Labour Organization [ILO] (2018). Care Work and Care Jobs For the Future of Decent Work 

Kochskämpfer, S., Neumeister, S. Und Stockhausen, M. (2020) IW-Trends 4/2020 Wer pflegt wann und wie viel? Eine Bestandsaufnahme zur häuslichen Pflege in Deutschland.

Statistisches Bundesamt (2024a). Wo bleibt die Zeit? Ergebnisse zur Zeitverwendung in Deutschland 2022

Statistisches Bundesamt (2024b). Teilzeitquote erneut leicht gestiegen auf 31 % im Jahr 2023. Pressemitteilung Nr. N017 vom 26. April 2024

Dieser Blogbeitrag wurde erstmals bei nachhaltigejobs.de veröffentlicht.

© 2024. This work is openly licensed via CC BY-NC 4.0 DEED

Freie Zeit darf kein Luxus sein

Nachbericht zur Veranstaltung „Keine Zeit?!”

Der Saal war gut gefüllt, rund 200 Personen waren am 19. Oktober unserer Einladung gefolgt und fanden sich gegen 19 Uhr in der Konsumzentrale im Leipziger Westen ein. Mit den Jüngsten, liegend im Kinderwagen, den Ältesten bereits dem Lohnarbeitsende entgegenblickend, war es eine bunte Mischung an Gästen.

Auf dem Podium begrüßte Charlotte Hitzfelder, im Konzeptwerk zuständig für die Gesamtkoordination und Teil des Care-Teams, die Journalistin und Autorin Teresa Bücker, Janina Henkes (Referent*in für Frauen-, Gleichstellungs-, Geschlechterpolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) und Parwaneh Mirassan, Teil des Teams Öffentlichkeitsarbeit im Konzeptwerk.

Wer hat denn noch Zeit?
Nach einigen Fragen an das Publikum zum Warmwerden (z. B. Wer im Saal arbeitet eigentlich mehr als 60 Stunden?), begann das Gespräch auf dem Podium und geriet ohne Umschweife direkt in die Tiefe. Teresa fragte: „Wer hat überhaupt noch Zeit, unsere Gesellschaft mitzugestalten? Und bedeutet Demokratie nicht, die Möglichkeit, mitzumachen?“ Janina betonte die ungerechte Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit, die sich nicht zuletzt in einem Gender-Pay-Gap von 18 % niederschlage. Das heißt, Frauen verdienen 18 % weniger pro Stunde als Männer. Der Gender-Care-Gap beträgt 52 %, der Gender-Pension-Gap in Deutschland liegt sogar bei 59,6 %. Ändert sich nicht schleunigst etwas Grundlegendes, drohe eine umfassende Altersarmut.

Das Podium war sich einig, eine kollektive Arbeitszeitverkürzung ist der Grundstein für mehr Zeitgerechtigkeit. Wie die persönliche Zeit neu aufgeteilt werden könnte, dazu geben beispielsweise Frigga Haug mit ihrer 4-in-1-Perspektive oder das Optionszeiten-Modell von Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger neue Perspektiven. Wichtig ist den Sprecher*innen: Die Erwerbsarbeit als zentraler Ausgangspunkt gehört abgelöst. Freie Zeit darf kein Luxus sein und dafür müssen diese Bereiche (re)politisiert werden.

Wie fühlt sich gerechtere Arbeitsteilung an?
Lohnarbeit im Konzeptwerk ist gemessen am aktuellen Status quo bereits utopisch: Parwaneh berichtete über unser Modell der kurzen Vollzeit von 20 bis 30 Stunden in einer 4-Tage-Woche, bei der sich die Menschen ihre tägliche Arbeit freier einteilen können. Das mache sie flexibler und die Sorge um Kinder oder Haustiere werde erleichtert. Auch darüber hinaus sieht der Arbeitsalltag im Konzeptwerk anders aus: geputzt und gekocht wird abwechselnd von allen für alle und es gibt keine Chef*innen. Aber herausfordernd bleibe es, bei viel Arbeit, das eigene Pensum nicht zu verdichten.

Gesamtgesellschaftlich stellt das Modell des Konzeptwerks noch eine Ausnahme dar. Die Regelungen in der Arbeits- und Familienpolitik sind darauf ausgerichtet, dass Menschen möglichst schnell in die Erwerbsarbeit kommen oder zurückkehren. Dabei muss es aus Sicht von Janina weniger um eine Vereinbarkeit der beiden Sphären als vielmehr um eine Umverteilung von Zeit gehen: „Lasst uns die Arbeit auf viele Schultern verteilen.“

Was blockiert den Wandel?
Viele Arbeitgeber*innen fürchten die Kosten einer kollektiven Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Für Teresa greift dieser Blick aufs Finanzielle zu kurz. Bereits heute reichen die Angebote an Kinderbetreuung und Pflege nicht aus. Die Hauptlast schultern die Familien. Der demografische Wandel in Deutschland wird die Situation verschärfen. Wenn sich nicht schnell gesellschaftlich und politisch etwas ändert, werden Frauen und queere Personen zukünftig noch mehr Care-Arbeit leisten oder die Qualität in der Pflege weiter abnehmen.

Charlotte fasste zusammen, dass alle von einer Umverteilung von Arbeit profitieren würden. Aus Sicht des Konzeptwerks gibt es bereits heute ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Journalist*innen und NGO, die sich für eine kollektive Arbeitszeitverkürzung starkmachen.

Teresa bestätigte: „Wir sind bereits viele.“ Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung sprechen sich 81 % der Vollzeitbeschäftigten für eine 4-Tage-Woche aus. Die IG Metall, die GEW, auch die Kirchen sprechen sich dafür aus.

Allerdings wird aus der Politik hier wenig Verbindung gesucht. Ein geplantes neues Gesetz, das ab 2024 vorsieht, dass eine zweiwöchige bezahlte Freistellung nach der Geburt auch für Partner*innen gilt, ist alles andere als ein Meilenstein in Sachen Gleichberechtigung. Die FDP stellt sich selbst diesem Vorschlag entgegen.

Sogar auf Seiten der Unternehmen tut sich viel. Zwar gibt es hier ein breites Spektrum, einige fragen nach der finanziellen Machbarkeit, doch viele wollen Erwerbsarbeit attraktiver gestalten, nicht zuletzt um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Untersuchungen zeigen, dass mit weniger Lohnarbeit das gesundheitliche Wohlbefinden steigt und die Burn-out-Raten sinken. Janina untermauerte, dass bei kürzerer Arbeit die Effizienz steige und weniger Fehler passieren. Arbeitnehmer*innen bleiben gesünder, Arbeitsausfälle und Invalidenrenten gehen zurück. Die Hälfte der neuen Pflegekräfte geht nach acht Jahren in Teilzeit oder wechselt den Job. Das sind alarmierende Zahlen.

Was tun?
Neben der ganz persönlichen Aushandlung von „Wie viel möchte ich arbeiten?“, stehen Bündnisse nach kollektiver Arbeitszeitverkürzung für Parwaneh im Vordergrund. Außerdem: auf Demos gehen, in eine Gewerkschaft eintreten und das Dossier des Konzeptwerks zum Thema lesen!
Für Teresa stehen Reden und Wissen vermitteln an erster Stelle. Wir müssen wegkommen von der Debatte „die Wirtschaft bricht zusammen“. Nicht nur die junge Generation möchte ihr Leben außerhalb der Lohnarbeit genießen, auch Ältere gehen aus diesem Grund in Altersteilzeit und begreifen die Bedeutung von Zeitwohlstand.
Teresa kann sich gut vorstellen, mit Verbündeten einen feministischen Streik anzuzetteln. Ihrer Ansicht nach braucht es solche großen öffentlichen Interventionen, um mehr Druck auf die Politiker*innen auszuüben.
Außerdem sollten die linken Parteien ihrer Meinung nach mal nachfragen, wie es mit dem Ziel der Geschlechtergleichstellung im Koalitionsvertrag eigentlich aussieht.

Auch die anschließende Diskussion mit Anmerkungen und Fragen aus dem Publikum wies in diese Richtung. Wir müssen bereits bestehende Bündnisse stärken und neue Allianzen bilden.

Das Konzeptwerk sieht seine Aufgabe weiterhin im Vernetzen und Zusammenbringen unterschiedlicher Akteur*innen. Auch zukünftig werden wir Räume schaffen, in denen wir uns gegenseitig stärken und konkrete Maßnahmen umsetzen.

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Die Veranstaltung wurde gefördert vom Sächsischen Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung (SMJusDEG).