Warum wir einen Ernährungsrat gründen

01. Mai 2019

Autor*innen: Das Ernährungsteam

 

Am 4. Mai 2019 wird der Ernährungsrat Leipzig offiziell gegründet. Als Konzeptwerk haben wir dies mit angestoßen und den Prozess nun bereits über ein Jahr begleitet. Warum finden wir dies sinnvoll und wie passt der Ernährungsrat in unsere Arbeit für eine sozial-ökologische Transformation?

Sozial-ökologische Transformation heißt auch Ernährungswende

Wir leben auf Kosten anderer. Die Art, wie die meisten Lebensmittel produziert werden, hat extrem negative Konsequenzen für Menschen und Umwelt – sowohl hierzulande als auch in anderen Teilen der Welt. Sie ist damit Teil einer „imperialen Lebensweise“ * Der Fleischkonsum im globalen Norden verursacht Rodungen und Vertreibungen von Indigenen und Kleinbäuer*innen in Südamerika. Der Export industrieller Landwirtschaftsgüter zerstört lokale Märkte in Westafrika. Alltagsprodukte wie Kaffee oder Kakao werden nach wie vor größtenteils unter ökologisch schädlichen und ausbeuterischen Verhältnissen angebaut.

Das globale Ernährungssystem als Ganzes – von der Produktion über Verarbeitung, Handel und Verbrauch – ist für etwa die Hälfte der globalen CO² Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft für die Folgen des Klimawandels besonders anfällig. Die globale Landwirtschaft beraubt sich so selbst der eigenen Lebensgrundlage.

Ein „Weiter wie bisher“ ist keine Option – das erkannte der Weltagrarbericht bereits 2009 und erregte damit viel Aufsehen. Diskutiert wird seither viel über das Problem, aber der allgemeine negative Trend hat sich dennoch weiter fortgesetzt und an den zentralen Stellschrauben wurde nichts verändert. In den letzten 10 Jahren mussten etwa 30% der Bäckereien und in den letzten 20 Jahren über 40% der landwirtschaftlichen Betriebe schließen. Gleichzeitig wächst die Macht global agierender Konzerne, etwa in Folge der Übernahme von Monsanto durch Bayer.

Auch auf politischer Ebene passiert viel zu wenig. Die EU Agrarsubventionen kommen noch immer größtenteils industriell wirtschaftenden Betrieben zu Gute, es gibt trotz massiven Insektensterben und Gesundheitsgefährdung noch kein Glyphosat-Verbot und auch die UN-Erklärung für die Rechte von Kleinbäuer*innen – ein wichtiger Erfolg der globalen Bewegung Via Campesina – wurde ohne Zustimmung der Bundesregierung verabschiedet.

Global denken, lokal Handeln
Der Ernährungsrat als Wegbereiter für die Ernährungswende

Die sozial-ökologischen Herausforderungen im Ernährungssystem sind riesig, doch es gibt auch vielfältige Lösungsstrategien. Agrarökologie und Ernährungssouveränität sind umfassende Konzepte für eine umweltschonende und bedürfnisorientierte Produktionsweise. Veränderungen können und müssen auf allen Ebenen stattfinden, auch vor Ort.

Der Ernährungsrat versteht sich als Austauschplattform und Angebot zur Mitgestaltung der Ernährungswende in Stadt und Region.

Obwohl Ernährung eines der wesentlichen Grundbedürfnisse darstellt, ist es derzeit als Thema in der Kommunalpolitik kaum verankert. Diesen Missstand wollen Ernährungsräte beheben. In immer mehr Städten schließen sich Menschen aus allen Bereichen des Ernährungssystems zusammen, um sich für konkrete Verbesserungen einzusetzen: Sei es die Förderung regionaler Wertschöpfungsketten oder sozial-ökologischer Standards in der Schulverpflegung, ebenso wie Bildungsangebote zum Thema Ernährung und die Förderung von Anbaumöglichkeiten in der Stadt .

Ernährungsdemokratie und Bildung

Als Konzeptwerk sehen wir den Ernährungsrat insbesondere auch als ein spannendes „Reallabor“ und Lernraum für Selbstorganisation und Ernährungsdemokratie. Es ist ein Spagat zwischen kommunaler Realpolitik und zivilgesellschaftlicher Eigenständigkeit. Wir möchten professionell mit verschiedenen Berufsgruppen zusammenarbeiten und gleichzeitig offen bleiben für die Mitgestaltung vieler Menschen. 

Wir haben uns auf folgende erste Ziele geeinigt:

  • wir möchten Menschen für das Thema sensibilisieren,
  • an die Stadtpolitik andocken,
  • gemeinsam konkrete Maßnahmen für einer Ernährungswende vor Ort auf den Weg bringen und
  • einen realen Mehrwert für bestehende Initiativen vor Ort bieten.

Unser Engagement verstehen wir nicht zuletzt als Teil der globalen Bewegung für Ernährungssouveränität, mit dem Ziel der gelebten Solidarität.

 

Das Leipziger Ernährungssystem

In Leipzig und Umland ist an einigen Stellen bereits „der Boden für den Ernährungsrat bereitet“, zugleich muss auch noch viel „Neuland beackert“ werden.

Es gibt bereits eine sehr dynamische Solawi-Szene in und um Leipzig und durch die Gründung von Ackerilla und Kola Leipzig wird das Angebot in den nächsten Jahren noch deutlich erweitert. Auch im Bereich des Lebensmittelhandwerks und in der Urbanen Landwirschaft gibt es lokale Akteur*innen, mit denen wir bereits zusammen arbeiten.

Gleichzeitig wird ein Großteil der Ackerflächen der Region durch wenige Großkonzerne bestellt. Die meisten Menschen versorgen sich mit konventionellen Produkten aus dem Supermarkt und auch die Gemeinschaftsverpflegung in Schulen und Kita‘s ist wenig nachhaltig. Hier wollen wir Alternativen sichtbar machen und uns für gutes, also gesundes, leckeres, sozial gerechtes und umweltschonendes Essen für alle einsetzen.

Nächste Schritte

In nächster Zeit wird es darum gehen, für den Ernährungsrat eine tragfähige und dauerhafte Struktur zu schaffen. Durch Informations- und Öffentlichkeitsarbeit wollen wir mehr Menschen mit den Ideen hinter dem Projekt erreichen. Hier ist es uns besonders wichtig, auch Praktiker*innen und Menschen „jenseits der Blase“ anzusprechen.

Weiterhin geht es um eine Bestandsaufnahme: Wir wollen möglichst viel Wissen über das Ernährungssystem zusammentragen und Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten herausarbeiten. Schließlich geht es auch darum, sich mit den Regeln und Abläufen der Kommunalpolitik vertraut zu machen und dort Veränderungen anzustoßen. Profitieren können wir hierbei vom Austausch mit den vielen anderen Ernährungsräten, die aktuell deutschlandweit gegründet werden. Auch wenn der lokale Kontext nie komplett gleich ist, so muss „der Rat“ doch nicht immer komplett neu erfunden werden.

Um wirklich voran zu kommen, kann diese Arbeit jedoch nicht allein von ehrenamtlichen Strukturen geleistet werden. Der Ernährungsrat hat viele gemeinwohlfördernde Aufgaben und sollte daher mittelfristig finanziell unterstützt werden. Hier sehen wir auch die „Stadt Leipzig“ in der Verantwortung.

Fazit: Gutes Essen für alle – praktisch angehen

Der Ernährungsrat soll als Scharnier zwischen Politik, Wissenschaft, Betrieben und Verbraucher*innen fungieren und die Ernährungswende in Leipzig und Umland fördern. Es ist ein Einstieg in die demokratische Gestaltung unseres Ernährungssystems vor Ort und ein konkreter Beitrag zur Ernährungssouveränität. Der Ernährungsrat nimmt globale Herausforderungen im Ernährungssystem in den Blick und sucht nach lokalen Antworten.

Ansprechpartner im Konzeptwerk:

  • Max Frauenlob
  • Susanne Brehm
  • Sabrina Gerdes

Webseiten:
Ernährungsrat Leipzig
Ernährungsräte allgemein

Erläuterungen

* Mit ‚imperiale Lebensweisen‘ wird ein ressourcenintensive Art des Wirtschaftens und Konsumierens bezeichnet, die insbesondere im globalen Norden vorherrscht und auf Ausbeutung von Mensch und Natur in anderen Teilen der Welt basiert.