Degrowth: 

In Bewegung, um Alternativen zu stärken und Wachstum, Wettbewerb und Profit zu überwinden

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Autor*innen:
Corinna Burkhart
Dennis Eversberg
Matthias Schmelzer

Nina Treu

Wir schreiben diesen Text als EditorInnen und KoordinatorInnen des Projekts Degrowth in Bewegung(en) zusammen mit Dennis Eversberg. Wir sehen uns als Teil der Degrowth-Bewegung in Deutschland und in Europa. Corinna Burkhart ist durch ihr Studium und durch ein Praktikum bei Research & Degrowth auf Degrowth gestoßen, sie arbeitet seit 2014 beim Konzeptwerk Neue Ökonomie. Dennis Eversberg ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Forschungskolleg Postwachstumsgesellschaften an der Uni Jena, wo er zur sozialen Zusammensetzung, Motivationen und Praxis in der Degrowth-Bewegung forscht. Matthias Schmelzer ist Wirtschaftshistoriker und Aktivist, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Zürich und als freier Mitarbeiter beim Konzeptwerk. Nina Treu hat 2011 das Konzeptwerk in Leipzig mitgegründet und arbeitet seit 2014 zu Degrowth.

Dieser Text beantwortet nur die Fragen 1 und 2 des Projekts. Die Beantwortung der Fragen 3, 4 und 5 ist Anliegen des Gesamtprojekts und erfolgt im Herbst 2016 nach einer gemeinsamen Auswertung mit den Autor_innen.

1. Wachstum, Wettbewerb und Profit überwinden – für eine global gerechte sozial-ökologische Wirtschafts- und Lebensweise

Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leitprinzip „höher, schneller, weiter“ bedingt und befördert eine Sozialordnung der allgegenwärtigen Konkurrenz in allen Lebensbereichen. Dies führt zum einen zu Zwängen sozialer Beschleunigung, die die Überforderung und Ausgrenzung vieler Menschen bedingen. Zum anderen zerstört die steigerungsfixierte Wirtschaftsweise die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen sowie die Lebensräume von Pflanzen und Tieren.

Degrowth steht für einen Transformationspfad hin zu Formen des Wirtschaftens und der gesellschaftlichen (Selbst-)Organisation, in denen das Wohlergehen aller im Zentrum steht und die ökologischen Lebensgrundlagen erhalten werden. Dies schließt eine grundlegende Veränderung der alltäglichen Praxis im Umgang miteinander und einen umfassenden kulturellen Wandel ebenso ein wie eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise mit ihren Wachstums-, Wettbewerbs- und Profitzwängen. Degrowth ist kein geschlossenes Alternativmodell, kein fertiger Plan, der sich am Reißbrett entwerfen lässt. Vielmehr geht es darum, zentrale Bereiche des Wirtschaftens und Lebens zu repolitisieren, um gemeinsam Alternativen zu erdenken, auszuprobieren und zu erkämpfen. Die gemeinsamen Werte der gewünschten Transformation sind Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation. Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben in Würde für alle – und damit das möglich wird, müssen gesellschaftliche Praktiken und Formen entwickelt werden, in denen sich Menschen als Teil des planetarischen Ökosystems begreifen und dementsprechend leben können.

Bei Degrowth geht es ausdrücklich um die hoch industrialisierten Länder des globalen Nordens, auch wenn soziale Bewegungen aus dem Süden wichtige Bündnispartnerinnen sind, beispielsweise die von indigenen Traditionen geprägten Diskussionen zu Buen Vivir, Postextraktivismus und die Graswurzel-Umweltbewegungen der Armen. Rohstoff-, Ressourcen- und Landverbrauch sowie Abfallaufkommen und Emissionen der reichen Länder sollen auf ein Niveau gesenkt werden, das langfristig nachhaltig ist und den Ländern des Südens gleichberechtigte Entwicklungsmöglichkeiten lässt.

Alternativvorstellungen in der Degrowth-Bewegung

Die folgenden Vorstellungen von gesellschaftlichen Alternativen sind zentrale Elemente der Degrowth-Bewegung:

  • Eine Orientierung am guten Leben für alle und damit an der Befriedigung konkreter menschlicher Bedürfnisse. Dazu gehören Entschleunigung, Zeitwohlstand und Konvivialität, also der Einsatz für die Qualität und Herrschaftsarmut menschlicher Beziehungen.
  • Die Betonung der Veränderbarkeit sozialer Ordnungen und eine Orientierung an Suffizienz – statt der Fixierung auf technologische Neuerungen und Effizienzsteigerung – als Strategien zur Bewältigung ökologischer Probleme. Aus der Degrowth-Perspektive ist die These von der Möglichkeit einer absoluten Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch historisch widerlegt und technologisch-politisch unrealistisch. Daher werden Alternativen jenseits ökologischer Modernisierung und grünen Wachstums gesucht.
  • Gesellschaftlich ausgehandeltes, politisches Entscheiden darüber, wovon es künftig mehr, vor allem aber auch, wovon es weniger geben soll. Kandidaten für einen Rückbau wären aus einer Degrowth-Perspektive etwa fossilistisch-industrielle Sektoren, Militär, Rüstung und Werbung sowie der Individual- und Flugverkehr. Ausgeweitet werden könnten dagegen zum Beispiel soziale und kollektive Infrastrukturen, eine ökologische Kreislaufwirtschaft, dezentrale und erneuerbare Energiequellen in Gemeineigentum, der Sektor der Sorgearbeit, der Bildung und die solidarische Ökonomie.
  • Eine Umverteilung der Einkommen und Vermögen – sowohl global als auch national – und die Transformation der sozialen Sicherung. Neben dem bedingungslosen Grundeinkommen – teils auch nicht als Geldleistung, sondern in Form sozialer Infrastruktur – erheben viele die Forderung nach einem Maximaleinkommen.
  • Das In-den-Vordergrund-Stellen der Reproduktion des Lebens. Ziel ist, den Bereich der Fürsorge der Produktion und Verarbeitung von Waren über- statt unterzuordnen. Ein möglicher erster Schritt wäre die radikale Verkürzung der Lohnarbeit für alle.
  • Befreiung vom einseitigen westlichen Entwicklungsparadigma, um eine selbstbestimmte Gestaltung von Gesellschaft und ein gutes Leben im globalen Süden zu ermöglichen.
  • Ein Ausbau demokratischer Entscheidungsformen, auch im Bereich der Wirtschaft, um echte politische Teilhabe zu ermöglichen. Das Einüben basisdemokratischer und konsensorientierter Prozesse ist zentraler Bestandteil der Bewegungspraxis.
  • Regional verankerte, aber miteinander vernetzte und offene Wirtschaftskreisläufe. Weil internationaler Handel soziale Spaltungen vertieft und ökologische Nachhaltigkeit verhindert, geht es um eine tendenzielle Deglobalisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Aber Degrowth steht weder für kulturelle Abschottung noch für homogene Bioregionen oder konkurrenzbasierten wirtschaftlichen Protektionismus, sondern für offene Formen der demokratischen Relokalisierung.

Bei all diesen Elementen ist der Gedanke zentral, dass Veränderungen hin zu einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft und Wirtschaft auf globaler Ebene nur durch eine Kombination unterschiedlicher Strategien erreicht werden können: Wissenschaft und Forschung sind dafür ebenso wichtig wie Aktivismus und praktische Projekte, die im Hier und Jetzt Alternativen anstoßen.

Degrowth ist also weit mehr als nur eine Kritik an Wachstum: Es geht darum, die Bedingungen eines guten Lebens für alle zu schaffen. Konservative, rassistisch-nationalistische und sexistische Formen der Wachstumskritik widersprechen somit dem Kern von Degrowth, der grundsätzlichen Orientierung an einem guten Leben, gleichen Rechten und Freiheiten für alle Menschen weltweit, und haben deshalb im Rahmen von Degrowth keinen Platz.

Die Entstehung der Degrowth-Bewegung

Die heute internationale Degrowth-Bewegung nahm ihre Anfänge in Frankreich in den frühen 2000er Jahren. Wachstumskritik als solche gibt es aber schon fast so lange wie Wirtschaftswachstum selbst. Wichtig dabei waren seit den 1970er Jahren vor allem die sehr breit wahrgenommene Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ (1972) sowie die Arbeiten diverser Intellektueller und Ökonom_innen wie André Gorz, Nicholas Georgescu-Roegen oder Claudia von Werlhof.

Mit der Veröffentlichung eines Sonderhefts des Magazins Silence zum Thema „La Décroissance“ (französisch für Degrowth) kam 2002 in Frankreich eine neuerliche wachstumskritische Debatte in Gang. In Paris fand dann 2008 die erste Internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit statt. Bei der Konferenz wurde der englische Begriff Degrowth verwendet und so auch in die internationale wissenschaftliche Debatte eingebracht. Es folgten weitere internationale Degrowth-Konferenzen 2010 in Barcelona, 2012 in Venedig und 2014 in Leipzig. Die Konferenzen erleben seit 2008 einen stetigen Anstieg der Teilnehmendenzahlen – darunter sowohl Wissenschaftler_innen diverser Disziplinen als auch Aktivist_innen und Praktizierende. Sie dienen der Degrowth-Bewegung als Treffpunkt, Diskussions-, Lern- sowie Vernetzungsort und bescheren ihr zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit. Die bisher wichtigsten Ereignisse der Degrowth-Bewegung im deutschsprachigen Raum waren die Leipziger Degrowth-Konferenz 2014, an der über 3000 Menschen teilnahmen, der schon 2011 von Attac organisierte Kongress Jenseits des Wachstums?! in Berlin sowie jüngst die Degrowth-Sommerschule. Letztgenannte findet 2016 zum zweiten Mal im Rahmen des rheinländischen Klimacamps statt. (1)

Degrowth in Bewegung(en)

32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation

Konzeptwerk Neue Ökonomie & DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.)

Die hier versammelten 32 sozialen Bewegungen, alternativ-ökonomischen Strömungen und Initiativen suchen nach Alternativen zum herrschenden Wirtschaftsmodell. Sie fordern einen Paradigmenwechsel: weg vom Fokus auf Wettbewerb, Gewinnstreben, Ausbeutung und Wachstum – hin zu mehr Kooperation, Solidarität und einer Orientierung an konkreten Bedürfnissen. Es geht darum, die Bedingungen für ein gutes Leben für alle zu schaffen. Aber welche unterschiedlichen Wege für eine sozial-ökologische Transformation gibt es? Welche Hürden sind zu überwinden? Welche Gruppen sind beteiligt, wer macht was und wie ist das Verhältnis zueinander? Welche Bündnisse sind möglich? Diesen Fragen sind Protagonist*innen der Bewegungen in einem zweijährigen Vernetzungs- und Schreibprozess nachgegangen. Die daraus entstandenen Beiträge motivieren zu eigenem Tun und Engagement.

2. Über die Selbstproblematisierung zur Kapitalismuskritik: sozial homogen, aber inhaltlich vielfältig – und kapitalismuskritisch

Die Degrowth-Bewegung in Deutschland ist sehr dezentral organisiert. Es gibt weder ein formelles Netzwerk noch ein organisierendes Zentrum, sondern eine große Vielfalt von Einzel- und kollektiven Akteur_innen.

Zunächst wären da einige Organisationen, die sich mit Degrowth beschäftigen, beispielsweise das Netzwerk Wachstumswende mit dem Förderverein Wachstumswende oder das Konzeptwerk Neue Ökonomie, welches das Degrowth-Webportal betreibt und die dort verzeichneten Projekte initiiert und mitträgt. Seit dem Kongress Jenseits des Wachstums?! 2011 in Berlin ist eine gleichnamige bundesweite Attac-Arbeitsgruppe aktiv, und auch einige lokale Attac-Gruppen arbeiten zum Thema. Neben diesen vergleichsweise großen oder bekannten Gruppen und Institutionen engagieren sich auch viele kleinere, vor allem lokale Akteur_innen im Bereich Wachstumskritik und Alternativen. Dies ist besonders durch die große Resonanz und die Vielzahl an Veranstaltungen auf der Degrowth-Konferenz in Leipzig 2014 deutlich geworden. Auch in großen, nicht auf Degrowth fokussierten Organisationen wie politischen Stiftungen und Umweltverbänden bringen sich Einzelpersonen oder Abteilungen mit Veranstaltungen, Diskussionsbeiträgen oder Publikationen aktiv in die Debatte ein. Schließlich beschäftigen sich auch ökologisch orientierte Wirtschaftswissenschaftler_innen mit Degrowth, vor allem im Rahmen der Vereinigung für ökologische Ökonomie (VÖÖ) und der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW). Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) betreibt den Blog www.postwachstum.de, und an der Universität Oldenburg gibt es seit 2008 die regelmäßige Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie.

Die Degrowth-Bewegung als Ganzes wurde besonders durch die großen, basisdemokratisch arbeitenden Organisationskreise, die in die internationale Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig und in die Degrowth-Sommerschulen 2015 und 2016 im rheinischen Braunkohlegebiet involviert waren, vorangebracht.

Degrowth in Europa

Neben den bisher vorgestellten Akteur_innen der deutschen Degrowth-Bewegung gibt es vor allem in Südeuropa eine wachsende Degrowth-Bewegung. So nahmen die internationalen Konferenzen 2008 in Paris ihren Anfang und wurden dann von der in Spanien und Frankreich aktiven Gruppe Research & Degrowth (R&D) fortgeführt. R&D ist vor allem wissenschaftlich aktiv, stark in Barcelona und Umgebung lokalisiert und arbeitet an einer stärkeren Verbreitung von Degrowth-Ideen im akademischen Diskurs. In Frankreich zentriert sich die Bewegung vor allem um die regelmäßig erscheinenden Magazine Silence und La Décroissance. Zudem gibt es die Partei Parti pour la Décroissance, welche im parteipolitischen Raum, aber auch mit Informationsvermittlung und Publikationen aktiv ist. In Italien existiert die Gruppe Rete per la decrescita, die wissenschaftlich arbeitet, sowie die Movimento per la Decrescita Felice, die sehr stark in Lokalgruppen verankert ist, sich für freiwillige Einfachheit einsetzt und vor allem eine alternative, eine „gute Praxis“ vorantreibt. Auch in Osteuropa gibt es Gruppen, die sich mit Degrowth beschäftigen; durch die für den Herbst 2016 geplante Degrowth-Konferenz in Budapest bekommen sie derzeit verstärkt Aufmerksamkeit und Schwung. Darüber hinaus entstehen Forschungs- und kleine praktische Projekte in verschiedenen europäischen Ländern (zum Beispiel Can Decreix in Frankreich), die sich mehr oder weniger explizit auf Degrowth beziehen.

Allianzen und Zusammenarbeit

Neben wachstumskritisch arbeitenden Gruppen gibt es sowohl in Deutschland als auch in anderen Teilen des globalen Nordens eine enge Vernetzung mit der und durch die alternativ-ökonomische Szene: Commons, solidarische Ökonomie, Transition-Towns, Gemeinwohlökonomie, Share-Economy, Plurale Ökonomie, Gemeinschaftsgärten, Umsonst- und Tauschläden etc. Die Übergänge zu Degrowth sind dabei durchaus fließend. Auch Kooperationen mit wissenschaftlichen Instituten, entwicklungspolitischen Förderern und politischen Stiftungen, punktuell auch mit parteipolitischen Vertreter_innen sind zu nennen.

Publizieren und Praktizieren

Degrowth ist einerseits ein Vorschlag für eine weitreichende gesellschaftliche Transformation – und in diesem Sinne geht es viel darum, eine gesellschaftliche und akademische Diskussion durch Publikationen (2), Webseiten, Veranstaltungen und Konferenzen voranzubringen. Andererseits verbindet Degrowth auch eine Vielzahl an praktisch ausgerichteten Projekten und zeichnet sich durch spezifische politische und Alltagspraktiken aus. So werden die Degrowth-Großveranstaltungen durch basisdemokratische Organisationskreise vorbereitet, das Essen ist regional, biologisch, vegan und kollektiv zubereitet, und die Finanzierung läuft nur über politisch nahestehende Organisationen. In Degrowth-Kreisen typische Praktiken sind zum Beispiel: eine möglichst ökologische Mobilität, das Mitwirken in Gemüsekooperativen, Leben in Hausprojekten oder in anderen alternativen Wohnformen und die Teilnahme an direkten Aktionen.

Grundkonsens in der Degrowth-Bewegung in Deutschland

Auskunft über die Konzepte und Ideen jener Menschen, die im Degrowth-Spektrum praktisch aktiv sind, liefert eine Befragung der Teilnehmenden an der Degrowth-Konferenz in Leipzig 2014. (3)

Die Studie zeigt, dass in der Degrowth-Szene vor allem Menschen aus einem studentischen, akademischen und städtischen Mittelschichtmilieu aktiv sind, eine Mehrheit ist zwischen 20 und 35 Jahre alt, es sind vor allem weiße Menschen und viele Jüngere politisieren sich durch dieses Thema. Menschen, die sich der Degrowth-Bewegung zugehörig fühlen, teilen jenseits aller sonstigen Unterschiede einen wachstumskritischen Grundkonsens, der sich in etwa folgendermaßen zuspitzen lässt:

Wachstum ohne Naturzerstörung ist eine Illusion, daher wird in den Industrieländern Schrumpfung notwendig sein. Das bedeutet auch, dass wir auf Annehmlichkeiten werden verzichten müssen, an die wir uns gewöhnt haben. Die notwendige Transformation zu einer Postwachstumsgesellschaft muss friedlich sein und von unten kommen, sie läuft auf die Überwindung des Kapitalismus hinaus, und weibliche Emanzipation muss dabei ein zentrales Thema sein (vgl. Eversberg/Schmelzer 2015).(4)

Strömungen im Postwachstumsdiskurs

Dennoch zeichnet sich der wachstumskritische Diskurs durch eine starke inhaltliche Heterogenität aus. Es gibt verschiedene Versuche, diese Vielfalt wachstumskritischer Akteur_innen genauer zu fassen. Anhand der Texte von Protagonist_innen lässt sich eine prominent von Meinhard Miegel repräsentierte konservative, eine etwa von Angelika Zahrnt vertretene sozialreformerische und eine vor allem von Niko Paech verkörperte suffizienzorientierte Strömung in der deutschen Postwachstumsdebatte unterscheiden. Zudem gibt es eine – weniger stark an einzelne Exponent_innen geknüpfte – kapitalismuskritische und eine feministische Richtung (vgl. Schmelzer 2015). Diese Unterscheidung bezieht sich in erster Linie auf typische Positionen im Postwachstumsspektrum, wie sie sich in Büchern oder Artikeln nachlesen lassen. Die Postwachstumsdebatte ist allerdings nicht umstandslos gleichzusetzen mit Degrowth als Diskurs und Bewegung: So haben die Diskussionen und Veranstaltungen der letzten Jahre deutlich gemacht, dass insbesondere die konservative Wachstumskritik à la Miegel in der jüngeren und internationaler ausgerichteten Degrowth-Szene keinen Rückhalt hat.

Inhaltlich-politische Strömungen in der Degrowth-Bewegung

Eine andere Möglichkeit, die inhaltliche Bandbreite und die inneren Spannungen der Degrowth-Bewegung zu beschreiben, bietet die weiter oben bereits genannte Studie, in der fünf Strömungen unterschieden werden: suffizienzorientierte Zivilisationskritik, immanenter Reformismus, voluntaristisch-pazifistischer Idealismus, modernistisch-rationale Linke und libertäre Praxislinke (ausführlich: vgl. Eversberg/Schmelzer 2016). Dies zeigt, wie vielfältig die Degrowth-Bewegung ist, und zwar

  • sowohl hinsichtlich der inhaltlichen Perspektiven (von Nähe zur Natur über Technikoptimismus bis hin zu radikaler Kapitalismuskritik),
  • der Organisationsformen (von großen Organisationen über Alternativprojekte bis hin zu aktivistischen Bündnissen)
  • und der politischen Praxis (von Petitionen über Aussteigertum bis zu direkten Aktionen)
  • als auch bezüglich der politischen Hintergründe (von wenig politisiert über Alternativmilieus bis hin zur klassischen Linken).

Diese Breite und Vielfalt ermöglichen der Degrowth-Bewegung potenziell breite Allianzen. Und viele Aktive fühlen sich auch anderen Bewegungen und Diskussionszusammenhängen zugehörig – unter anderem jenen, die im Projekt Degrowth in Bewegung(en) vertreten sind. Häufig wird Degrowth dabei auch als zusammenführender Treffpunkt oder als Plattform, als gemeinsamer Diskussions- oder Bewegungsraum wahrgenommen.

Fußnoten:

1) Eine ausführliche Geschichte der Degrowth-Bewegung findet sich auf dem Degrowth-Webportal unter: http://www.degrowth.de/de/eine-geschichte-von-degrowth/

2) Eine Vielzahl von Publikationen sind in der Mediathek des Degrowth-Webportals zu finden: http://www.degrowth.de/de/mediathek/​

3) Beteiligung: 814 von etwa 3000 Teilnehmenden.

4) Dieser „Grundkonsens“ ergibt sich aus den sieben von 29 vorformulierten Aussagen im Fragebogen, zu denen weniger als 100 der 814 befragten Personen eine zur Mehrheitsmeinung konträre Position eingenommen hatten – er würde deshalb sicher nicht von allen Befragten in dieser Form unterschrieben werden.