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Das Klima der Zukunft ‒ in zwei Szenarien

In diesem Blogbeitrag von Kai Kuhnhenn stellen wir zwei mögliche Klimazukünfte einander gegenüber.

12. Juli 2021

 

Wie kann Deutschland seine Wirtschaft dekarbonisieren bzw. klimaneutral werden?

Diese Frage wird von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft meist aus einer technischen Perspektive diskutiert. Zukunftsfähige Konzepte sind dann Lösungen wie Elektromobilität, Wasserstoffstrategie, Energiespeicher und Präzisionslandwirtschaft. Daran orientieren sich oft auch wissenschaftliche Szenarien, wie die vom Umweltbundesamt oder agora Energiewende .

Dabei gibt es auch andere Ansätze. Zum Beispiel eine klimagerechte Zukunft für alle, die auf einen grundlegenden Wandel setzt und dabei ökologische und soziale Probleme mit einbezieht. Im Buch „Zukunft für alle – eine Vision für 2048“ wird dieser Wandel erlebbar gemacht und in der Studie „Societal Transformation Scenario“ wissenschaftlich begründet.

Deutschland 2050 – das dekarbonisierte Land

Es ist das Jahr 2050 und Deutschland hat es geschafft, seine Emissionen um über 95% zu senken. Ein wichtiger Baustein dafür war die komplette Elektrifizierung des Wärme-, Verkehrs- und Industriesektors – entweder direkt über Elektromotoren und Wärmepumpen, oder über die Herstellung synthetischer Treibstoffe, die seither z.B. in der Industrie und im Verkehr zum Einsatz kommen. Dafür wird mit erneuerbarem Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten und in einem zweiten Prozessschritt der Wasserstoff mit Kohlenstoff in Kohlenwasserstoffe umgewandelt, z.B. Methan oder Benzin. Die sogenannten „neuen Stromverbraucher“ (Wärmepumpen, elektrische Pkw‘s) haben dazu geführt, dass der Strombedarf mittlerweile um 60% gestiegen ist. Um diesen Bedarf zu decken, war ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien auf die dreifache Menge des Jahres 2020 notwendig.

Um die Kosteneffizienz zu erhöhen, erfolgte der Ausbau nicht mehr über eine garantierte Vergütung für Strom aus Erneuerbaren, sondern über Ausschreibungen der Regierung. Der Akteur mit dem günstigsten Angebot bekommt den Zuschlag eine bestimmte Menge erneuerbarer Kapazität zuzubauen. Das Ende der Einspeisevergütung hatte damit auch das Ende der Bürger*innen-Energiewende zur Folge. Heute sind 80% der Stromversorgung in der Hand von sechs großen Unternehmen, von denen vier die ehemaligen fossilen Energieriesen sind. Der Widerstand gegen neue Photovoltaik und vor allem gegen Windanlagen nahm während des Ausbaus ständig zu. Letztendlich konnten sich aber die großen Konzerne gegen den lokalen Protest durchsetzen und Änderungen, wie z.Bsp. bei den Abstandsregeln, sowie die Ausschreibung lukrativer Ausbaumengen für den Offshore-Bereich bewirken.

Aufgrund der hohen Energieverluste bei der Herstellung synthetischer Gase und Kraftstoffe für die Industrie und den Verkehr reicht die deutsche Produktion an erneuerbaren Stroms 2050 aber nicht aus. Daher werden 80% der synthetischen Treibstoffe importiert. Die Produktion im Ausland erfolgt zwar zu 100% aus erneuerbaren Quellen, trotzdem gibt es Kritik von Umweltverbänden. Denn auch die Exportländer haben Klimaschutzziele einzuhalten und greifen dafür wiederum auf Techniken für sogenannte negative Emissionen zurück. Hierunter versteht man die Gewinnung von CO2 aus Abgasströmen oder der Luft und das Lagern des CO2 unter Tage, z.B. in leeren Gasfeldern oder anderen geologischen Formationen. Gerade dieser letzte Schritt, also die sichere Verwahrung des CO2 wird nach einigen Skandalen von Umweltverbänden angezweifelt und Lecks beim Pipeline-Transport des CO2 kritisiert. Schließlich haben strenge Klimaziele und der hohe Strombedarf aufgrund der Elektrifizierung auch zu einer Renaissance der Atomkraft geführt. So exportiert z.B. Frankreich synthetische Kraftstoffe aus erneuerbarem Strom nach Deutschland und nutzt selbst synthetischen Kraftstoff der mit Atomstrom produziert wird. Schließlich gibt es auch Kritik am Stromimport aus Nordafrika, wo die europäischen Regierungen in Zusammenarbeit mit lokalen Partner*innen große Kapazitäten für erneuerbare Energiegewinnung aufgebaut haben. Expert*innen bezweifeln jedoch die Versprechen, dass auch die afrikanischen Partner*innen große Vorteile von dieser Zusammenarbeit hätten und verweisen auf die Arbeitsbedingungen vor Ort, sowie auf den großen Wasserbedarf der Anlagen.

Dem Ausbau der erneuerbaren Energie steht der Ausstieg aus der Kohleförderung gegenüber. Die Förderprogramme des Staates haben zu einem Ausbau der Infrastruktur in den ehemaligen Kohlegebieten geführt. Diese Projekte boten aber keine langfristigen Perspektiven, sodass bis heute viele Menschen aus diesen Gegenden wegziehen und rechtspopulistische Parteien großen Zuspruch erhalten.

Der Verkehrssektor sieht 2050 ähnlich aus wie heute. Trotz anfänglichen Problemen hat der Ausbau der Elektromobilität Fahrt aufgenommen, unterstützt von großen Subventionen für die deutschen Autobauer. Der Anteil der elektrischen Pkw liegt bei etwa 98%, etwa 45 Millionen Fahrzeuge. Der Umstieg hat zu einem massiven Anstieg am Bedarf nach seltenen Erden und anderen Ressourcen geführt, den Umwelt- Menschenrechts- und postkoloniale Organisationen kritisieren.

Der Energieverbrauch für Wärme konnte durch die Dämmung von Gebäuden stark reduziert werden, der verbleibende Bedarf an Wärme wird vor allem durch Wärmepumpen und Stromheizungen gedeckt. Um die energetische Sanierung in Gang zu bringen wurden massive Förderprogramme aufgelegt, die vor allem von großen Immobiliengesellschaften genutzt wurden, die die Modernisierungskosten auf ihre Mieter*innen umlegen.

2048 – Endlich Klimagerechtigkeit

Es ist das Jahr 2048 und wir haben die Strukturen der Energieversorgung und -verteilung komplett vergesellschaftet. Das heißt, die Energieversorgung wird demokratisch und lokal geplant. Zwar gibt es noch eine nationale Regierung, aber welche Bedürfnisse wichtig sind und wie wir diese erfüllen, entscheiden wir auf kleinerer Ebene: also der Nachbarschaft, dem Dorf, dem Stadtteil, oder der Region. Hierfür gibt es basisdemokratische Räte.

Der Bedarf an Mobilität, Wärme und Strom gehört zur Grundversorgung, die für alle da ist und nichts kostet. Bereitgestellt wird diese durch öffentliche und solidarische Betriebe. Der Energiebedarf wird zu 100% aus erneuerbaren Energien gedeckt. Dabei war der Übergang zur 1250 Watt-Gesellschaft wichtig. Die 1250 Watt-Gesellschaft gibt vor, dass jeder Mensch im Schnitt nicht mehr als 1250 Watt Primärenergie oder 10950 kWh pro Jahr verbrauchen sollte – etwa ein Viertel des Verbrauchs von 2020 . Dieses Ziel wurde 2038 erreicht und nicht durch Zwang, sondern als Ergebnis eines kulturellen und strukturellen Wandels.

Der kulturelle Wandel hieß: weg von materiellem Wohlstand hin zu Zeitwohlstand. Hierzu gehört das Prinzip Teilen statt Besitzen, die Verringerung der Lohnarbeit auf 20 Stunden, eine Entschleunigung des Lebens und die Fokussierung auf Kooperation statt Konkurrenz. Ganz konkret wird dies beim Thema Reisen: Während früher das Ziel war, sich in kurzer Zeit maximal vom stressigen Alltag zu erholen, ist heute der Alltag viel entspannter. So sind Reisen eher dafür da, über einen längeren Zeitraum andere Gegenden, Kulturen und Menschen kennen zu lernen. Eine langsamere Fahrt mit dem Zug oder dem Solarsegelschiff nimmt man dafür gerne in Kauf.

Aber der kulturelle Wandel alleine machte noch keine klimagerechte Gesellschaft. Für eine radikale Verringerung unseres Energieverbrauchs brauchte es auch viele strukturelle Veränderungen der Wirtschaft: Der Care-Sektor (also Pflege, Medizin, Gesundheitsversorgung und Erziehungsarbeit) wurde stark ausgebaut. Ressourcenintensive industrielle Produktion hingegen stark zurückgefahren. Konkret gibt es kaum noch Schwerindustrie, Automobilindustrie, Bergbau und Baugewerbe. Außerdem sind ganze Industriezweige und Dienstleistungssparten weggefallen, die keinen Beitrag zur Erfüllung wichtiger Bedürfnisse leisteten oder einfach überflüssig geworden sind. Dazu zählen Rüstungs-, Werbe- und Versicherungsindustrie, sowie große Teile der Finanzwirtschaft.

Der Wärmebedarf ist heute viel niedriger als früher. Dies liegt einerseits an weniger beheiztem Wohnraum. Dazu hat das gemeinschaftliche Wohnen geführt, aber auch die „Lebensmittelpunkte“ die es in jeder Nachbarschaft gibt. Hier können alle gemeinsam Werkstätten, Spielzimmer, Proberäume, Waschbereiche und Ateliers nutzen. Andererseits wurden die Gebäude natürlich zeitgemäß gedämmt, basierend auf nachwachsenden Dämmmaterialien. Der verbleibende Energiebedarf wird durch ressourcensparende, einfache Techniken wie Solar- oder Geothermie gedeckt.

Im Mobilitätssektor ist der Energieverbrauch ebenfalls stark gesunken, da viel weniger Autos und Flugzeuge unterwegs sind. Im Schnitt fliegt jede*r Deutsche nur noch einmal alle drei Jahre. Motorisierter Individualverkehr (also das Auto) ist heute die Ausnahme, stattdessen gibt es lokale Versorgungsstrukturen, die für alle zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen sind. Außerdem gibt es einen gut ausgebauten kostenlosen öffentlichen Nah- und Fernverkehr, mit attraktiven Bahnhöfen und Angeboten im Zug. Den vielen Güterverkehr von früher brauchen wir ebenfalls nicht mehr, da die Wirtschaftskreisläufe viel regionaler gestaltet sind. Außerdem gilt das Gebot, dass Rohstoffe und unverarbeitete Nahrungsmittel nicht über längere Strecken transportiert werden.

Bei der Energieverteilung herrscht regionale Vielfalt. In manchen Regionen haben sich autarke Nachbarschaften als Modell durchgesetzt, andere Regionen nutzen lokale Netze oder sind sogar über gut gepflegte alte Stromnetze miteinander verbunden. Die technische Seite der Energieversorgung wird durch sogenannte E-Nerd-Kollektive (Energiedienstleister*innen) organisiert. Diese divers zusammengesetzten Gruppen bestehen aus Menschen, die ein großes Interesse am Thema haben und sich gegenseitig weiterbilden. Die Gruppen sind jeweils für die Energieversorgung einer Region zuständig, das heißt sie bauen und reparieren Windräder und Photovoltaikflächen und kümmern sich um die Netze.

Kai Kuhnhenn arbeitet im Projekt „Zukunft für alle“ und beschäftigt sich mit Wirtschaftswachstum als blindem Fleck der Klimapolitik und Klimawissenschaft. Er ist Mit-Autor folgender Veröffentlichungen: