Bedürfnis statt Profit!
Care-Arbeit ins Zentrum des Wirtschaftens

 

Ein Kommentar von Mia Smettan zu „Systemrelevanz“ und zur Neuausrichtung von Care

11. Mai 2020

Seit Wochen drehen sich mediale Berichte um systemrelevante Berufe. Klatschen für Pfleger*innen im Krankenhaus, Berichte über Mütter, die neben der Lohnarbeit im Homeoffice die fehlende Kinderbetreuung ausgleichen, Kassiererinnen, die unter dem Risiko der Ansteckung arbeiten, während andere zu Hause bleiben sollen.

Corona zeigt auf, welche Arbeiten wirklich relevant, d.h. gesellschaftlich notwendig sind: Kochen, Putzen, Angehörige und kranke Menschen pflegen, sich um andere, um die Umwelt und um sich selbst kümmern, um nur das Wesentliche zu nennen. Diese Tätigkeiten werden in dem englischen Wort „Care“ zusammengefasst, zu deutsch Sorge- oder Fürsorge-Arbeit. Corona zeigt auch auf, dass diese Arbeit zu einem großen Teil von Frauen geleistet wird – meist gering oder gar nicht entlohnt und das, obwohl Gesellschaft und Wirtschaft ohne sie zusammenbrechen würden.

Nach wie vor sind 80 Prozent der Putzkräfte weiblich, in Krankenhäusern arbeiten zu 76 Prozent Frauen, in Kindergärten sogar 93 Prozent. Care-Tätigkeiten werden außerdem vermehrt an migrantische Frauen ausgelagert, mit deutlich niedrigerem Lohnniveau, etwa als Putzkraft oder Nanny im privaten Haushalt. Im deutschen Pflegesektor wird der Fachkräftemangel durch ausländische Pflegekräfte ausgeglichen. Diese arbeiten meist zu noch niedrigeren Löhnen als Arbeitskräfte mit deutscher Staatsbürgerschaft und haben zudem häufig unsichere Aufenthaltstitel.

Die prekären Arbeitsverhältnisse, in denen Care-Arbeit geleistet wird, spitzen sich seit dem Ausbruch des Corona-Virus zu. Weitgehend umbemerkt von der Öffentlichkeit sind die Zustände in der Care-Arbeit schon lange in einer großen Krise. Es ist ein Skandal, dass nun von Pfleger*innen verlangt wird, in Zwölfstundenschichten zu arbeiten, mit nur neun Stunden fester Ruhezeit. Dieser Pflegenotstand ist nicht neu. Initiativen wie „Mehr Personal im Krankenhaus“ fordern seit langem feste Personalschlüssel sowie höhere Gehälter. Pfleger*innen in Krankenhäusern und in der ambulanten Pflege bemängeln seit Jahren den immensen Zeitdruck, unter dem gepflegt werden soll – zu Lasten der Pfleger*innen und der Kranken.

Nicht nur im Gesundheitswesen zeigt sich momentan, welche Konsequenzen Einsparungen im Care-Sektor nach sich ziehen. Auch die unbezahlte Care-Arbeit ist davon betroffen. Etwa wenn Mütter von zu Hause arbeiten und gleichzeitig den wachsenden Aufwand an Hausarbeit bewältigen müssen, da ihre Kinder nicht mehr in Betreuung sind. Sicher, es gibt auch Männer, die diese Tätigkeiten übernehmen. Jetzt und vor der Corona-Krise. Doch vier Fünftel der nach außen oft unsichtbaren Sorgearbeiten werden nach wie vor von Frauen geleistet, so schätzen die Initiatorinnen des Equal Care Day, die mit der gleichnamigen Kampagne am 29.02. alle vier Jahre auf die Ungleichverteilung von Care-Arbeit hinweisen. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit um parallel Kinder oder kranke Angehörige zu versorgen. Sie sind daher auch häufiger von Altersarmut betroffen als Männer, denn in die Rentenberechnung gehen Erziehungs- und Pflegezeiten nach wie vor viel zu wenig ein.

Sorgearbeit ist finanziell und sozial abgewertet und findet unter prekarisierten Bedingungen statt, sie wird als nicht produktive Arbeit begriffen und gilt als unerschöpfliche, kostenfreie Ressource. Hierin wiederholt sich auch unser Herrschaftsverhältnis der Natur gegenüber.

Dabei bilden Care-Tätigkeiten gerade erst die Grundlage des Lebens: Es handelt sich um gesellschaftlich notwendige Arbeiten, die uns auf besondere Weise sowohl zu unseren Mitmenschen in Beziehung setzen als auch unsere eigene Bedürftigkeit und damit auch unser Verhältnis zur (eigenen) Natur spiegeln. Sie bilden die Basis für eine funktionierende Gesellschaft und Wirtschaft. Das in kapitalistischen Gesellschaften viel beschworene Wirtschaftswachstum wäre ohne das Maß an unbezahlter Care-Arbeit nicht möglich. Sie ist die meist stille und unsichtbare Voraussetzung der Wiederherstellung der (entlohnten) Arbeitskraft und der Verwertung von Kapital. In statistischen Berechnungen des Bruttosozialproduktes wird jedoch nur die entlohnte Arbeit abgebildet. Doch diese ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir leisten mindestens genauso viele Stunden Lohnarbeit wie unentlohnte und unsichtbare Sorgearbeit: Sie wird zu zwei Dritteln von Frauen übernommen.

Die Unterfinanzierung des Gesundheitswesens, die fehlende Finanzierung von Care-Arbeit allgemein trifft nun diejenigen am Härtesten, die auch vorher schon wenig hatten: Frauen, Kinder, migrantische Arbeitskräfte, Geflüchtete, obdachlose Menschen und Care-Arbeiter*innen. Die „Held*innen“ dieser Krise werden die Pfleger*innen sein, die Kassierer*innen und Mütter, doch Klatschen für diese reicht bei Weitem nicht. Es bedarf dringend einer Aufwertung und Umverteilung von Care-Tätigkeiten, d.h. einen radikalen gesamtgesellschaftlichen Kurswechsel.

Viele sehnen sich derzeit nach einem Ende dieser Krise, nach einem „zurück zum Normalzustand“. Doch das ist nicht die Lösung, denn bereits der Normalzustand ist die Krise! Die derzeitige Realisierung, dass Care-Arbeit lebensnotwendig ist, bietet eine Chance – jetzt ist die Zeit, in der wir die Welt nach der Pandemie aushandeln. Jetzt müssen wir uns fragen: Wie können wir zu guten Bedingungen für einander sorgen?

Was wir wirklich brauchen ist eine sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft, hin zu einer Wirtschaft, in der Sorge im Zentrum steht. Wirtschaft sollte für die Erfüllung existenzieller menschlicher Bedürfnisse und für ein gutes Leben für alle sorgen. Einzig das wäre vernünftig. Nicht hingegen Wirtschaftswachstum und Kapitalakkumulation und -konzentration.

Das heißt konkret, dass Care-Arbeit einerseits zwischen den Geschlechtern fair verteilt werden muss. Sie darf ferner nicht weiter auf diejenigen abgewälzt werden, die weniger Privilegien besitzen. Care-Arbeit muss außerdem aufgewertet werden – monetär und sozial.
Kassier*innen, Pfleger*innen, Erzieher*innen, Putzkräfte und andere Care-Arbeiter*innen müssen höher entlohnt werden. Bezahlte sowie unbezahlte Care-Arbeit muss als lebensnotwendig anerkannt werden. Ferner müssen die Forderungen von Pfleger*innen nach einer Demokratisierung des Gesundheitssystems und umfassender Mitbestimmung umgesetzt werden. Kapitalinteressen haben im Gesundheitssystem nichts zu suchen!

Nicht zuletzt wäre da noch der Faktor Zeit. Denn immer wieder dreht sich die Krise der Care-Arbeit um Überbelastung und Zeitknappheit. Es bedarf also endlich grundsätzlichen Lohnarbeitszeitverkürzung für alle Menschen, die es ermöglicht uns mit Muße um andere und uns selbst zu kümmern.

Nehmen wir menschliche Bedürfnisse als Ausgangspunkt des Wirtschaftens – nicht Profite und Wachstum – so ermöglichen wir uns auch wieder mehr Freude am für einander sorgen. Denn unter den richtigen Umständen, mit genug Zeit und finanzieller Absicherung kann Sorge mehr sein als Stress und Doppelbelastung. Es lohnt sich also jetzt für eine solidarische Gesellschaft zu streiten, in der Sorge im Zentrum des Wirtschaftens steht.

Mia Smettan ist Teil des Care-Teams im Konzeptwerk und arbeitet u.a. zu feministischer Wirtschaftskritik. Zuletzt hat sie zusammen mit anderen die Feministische Bildungswoche „Für Sorge…!“ organisiert.

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