Titelbild blogbeitrag Care für globale Gerechtigkeit trotz Corona Krise

Care für globale Gerechtigkeit

Ein Interview mit Lina Hansen

von Parwaneh Mirassan | 25. November 2021

 

Das nachfolgende Interview ist im Zuge der Vorbereitungen für unsere Online-Konferenz „Care für globale Gerechtigkeit. Trotz Corona Krise.“ entstanden. Lina Hansen (sie/ihr) wird dabei am Sonntag einen Workshop zum Thema „Ökologisches Sorgen“ geben und hat sich die Zeit genommen mit uns über ihren Workshop, die Konferenz und Care während der Corona Pandemie zu sprechen. Sozial-ökologische Transformation und die integrale Einarbeitung (öko)feministischer Gesellschaftstheorie ist Teil ihrer soziologischen Forschungsinteressen.

Hallo Lina, danke dass du dir Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten. Die Online-Konferenz trägt den Namen „Care für globale Gerechtigkeit“, außerdem sprechen einige internationale Referent:innen. Warum ist es wichtig , das Thema Care-Arbeit global zu denken?

Care-Arbeit global zu denken macht es möglich global-agierende Ausbeutungsmechanismen und Herrschaftsstrukturen zu analysieren. Eine intersektionale kapitalismuskritische Analyse stellt feminisierende und rassifizierende Mechanismen globaler Sorgeketten heraus, die erklären, warum Arbeitsmigrantinnen in prekären Verhältnissen im globalen Norden arbeiten und (neo)koloniale Kontinuitäten (re)produziert werden. Diese eurozentrische Weltordnung prägt das patriarchale heteronormative Geschlechterverhältnis und die Unsichtbarmachung und Abwertung von bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit oder auch Reproduktionsarbeit. Als Ökofeministin möchte ich dazu die Unsichtbarmachung von Subsistenzarbeit hinzufügen. Alle Arbeiten, die der Erhaltung der materiellen Lebensgrundlage dienen, finden im kapitalistischen außen und in der nicht-monetären Versorgungsökonomie statt. Der Stoffwechsel mit ökologischen Ressourcen wird abgewertet und unsichtbar gemacht. Zum Beispiel der Begriff der Sorge mit und für Natur/en soll dieser Unsichtbarmachung entgegentreten und gerade angesichts der ökologischen Krise verwobene Beziehungen mit nicht-menschlichen Entitäten herausstellen. All diese Arbeit(en) bilden die Basis der Arbeits- und Lebensführung.

Die Veranstaltung trägt zusätzlich den Untertitel „Trotz Corona“. Inwiefern hat sich die strukturelle Ausbeutung von Care-Arbeit in oder durch die Corona-Krise verschärft?

Die Coronakrise hat die Krise der sozialen und ökologischen Reproduktion, wie eben beschrieben, zugespitzt und meines Erachtens sichtbarer gemacht. Die Pandemie hat nicht zur Aufwertung im Sinne höherer Entlohnung geführt. Es wird deutlich, dass diese als weiblich markierte Arbeit insbesondere von Frauen und marginalisierten Menschen übernommen wird, die von ableistischen, homophoben, rassistischen, sexistischen und klassistischen Strukturen betroffen sind. Diese Krise ist nicht die Form von Schrumpfung oder Abwendung vom Wachstumsparadigma, die eine feministische sozial-ökologische Transformation fordert. Die Chance in der Krise Care gemeinschaftlich bzw. gemeinschaftler zu organisieren, wurde nicht wahrgenommen. Eine Aufwertung der Sorgetätigkeiten ist durch die Überwindung der Trennung von Re-Produktion möglich. Eine Wirtschaft, die als Prinzip Vorsorge, Kooperation und Orientierung, wie sie das Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften fordert, kann Sorge ins Zentrum stellen. Eine sorgende und solidarische Ökonomie, in der auch die Solidarität zwischen globalen Norden und Süden besteht und sorgevolle Beziehungen zwischen menschliche und nicht-menschliche Entitäten gerecht ermöglicht.

Vor allem von der umweltaktivistischen Bewegung wird eine Solidarität zwischen globalem Norden und Süden vermehrt gefordert. Damit einher geht sowohl postmigrantische als auch dekoloniale Perspektiven abzubilden und Allianzen zu bilden. Bei der Miteinbeziehung dekolonialer Perspektiven kommt außerdem die Frage um anthropozenmtrischer Grenzziehungen hinzu. Warum ist all dies wichtig für die Weiterentwicklung für die Bewegung?

Bezogen auf Kritik des Anthropozentrismuses sind dekoloniale und postmigrantische Perspektiven und Allianzen unerlässlich um ein eurozentrisches, weißes und (neo)koloniales System zu kritisieren, andere Realitäten sichtbar zu machen und Utopien zu denken. Die westlich geprägte Dichotomie von Kultur und Natur stellt den Menschen ins Zentrum. Ein verwobenes Verhältnis zu ökologischen Ressourcen wird herausgestellt und zeigen eine Realität neben nicht vorsorgender kapitalistischer Ausbeute auf. Verschiedene Epistemologien, das heißt, verschiedene Wissensbestände und Realitäten werden in einem Pluriversum sichtbar und stellt sich gegen die westliche Sicht des Universalismuses und der Idee nach Entwicklung. Verschiedene Verhältnisse zu Natur/en werden denkbar. Commoning beispielsweise als Beziehungsform mit nicht-menschlichen Entitäten ermöglicht die Aufrechterhaltung und das Wiederherstellen des Lebens, welche nicht-menschliche miteinschließt und diese gar als Handelnde versteht. Beispiele dafür sind Buen Vivir und die Rechte der Natur. Gerade in Zeichen des Klimawandels und der Notwendigkeit des Zeitalters des Postextraktivismus, in denen die ökologische Reproduktion der Ökosysteme zentral ist. Außerdem wird es auf machtkritischer Ebene notwendig soziale Bedingungen, wie ökologischen Rassismus, anzuschauen und herauszustellen, dass koloniale Kontinuitäten als Wurzel des Klimawandels verstanden werden müssen und dass im globalen Süden Extremwetterverhältnisse Alltag sind. Die Verantwortung und die Betroffenheit klaffen drastisch auseinander.

Würdest du sagen es gibt schon erste Versuche innerhalb sozialer Bewegungen zum Thema Care weitere Intersektionen mit bspw. Abelismus oder Sanismus miteinzubeziehen? Wie lässt sich Degrowth zusätzlich zu antipatriarchalen, dekolonialen Kämpfen auch mit Disability Justice verbinden?

Ich würde leider sagen, dass noch keine soziale Bewegung der Sorge gibt. Es ist derzeit ein feministisches Prinzip, welches viele, aber nicht alle, klimabewegten Menschen mitdenken. Ich nehme war, dass in der Praxis und Theorie manche dies mitdenken, aber diese Arbeit vor allem Betroffene übernehmen. Viele eingeschlossen meiner Person müssen da weiter lernen und verlernen und soziale und ökologische Gerechtigkeitsbewegung beispielsweise Forderungen von Arbeiter:innen sogenannter Behindertenwerkstätten aufnehmen und Allianzen bilden. An dieser Stelle, danke, dass diese Frage, eine Leerstelle im an Ende erstgenannten Blogbeitrag aufdeckt. Für die Forderungen von Degrowth sehe ich hier diskriminierende Strukturen, die mehr Aufmerksamkeit benötigen und Sichtbarkeiten schaffen müssen. Wenn ich betroffenen Aktivist:innen zuhöre, die in ihrer Lebensführung von gesellschaftlichen Strukturen behindert werden, braucht es hier beispielsweise Wachstum im Sinne von Einbindung in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt und Zugang zu Infrastrukturen. Orte des nicht-Schrumpfens werden sichtbar als Gegensatz zu der Forderung das Prinzip von Wachstum abzulösen. In der Praxis und Theorie muss marginalisierten Stimmen zugehört werden, Verantwortung übernommen werden und die dazugehörenden Strukturen und Machtmechanismen im kapitalistischen System offengelegt werden, sodass eine gemeinsame Aufarbeitung möglich wird. Aktivistische Arbeit muss als Arbeit wertgeschätzt, sichtbar gemacht werden. Gleiches gilt für Sanismus oder Psychismus. Diese Arbeit hat lange Geschichte und wurde beispielsweise in der Anti-Psychatriebewegung angegangen. Ich denke, dass Degrowth immer Leerstellen haben wird und ich bin – meist – hoffnungsvoll, dass transformative Gerechtigkeit diese aufdeckt und durch Arbeit über Differenzen hinweg, sich letztendlich abschafft.

In feministischen Kreisen oder Bewegungen gibt es schon länger teils komplexe Diskurse um die Begrifflichkeiten wie Frau*, FLINTA*, weiblich sozialisiert usw. Dabei entsteht ein Konflikt zwischen dem Anspruch mehrheitliche Realitäten sichtbar zu machen und auf der anderen Seite Vielfalt nicht unsichtbar zu machen. Was sind deine Gedanken dazu?

Meine Interpretation ist, dass in diesem Diskurs zwei feministische Gruppen beziehungsweise Strömungen aufeinandertreffen, nämlich, machtkritische Feministinnen, die Repräsentation fordern und daher Identitätspolitik behandeln und materialistische Feminismen, die antikapitalistische Kritik äußern und Misogynie bekämpfen. Dabei sehe ich auch den Konflikt, den du in der Frage ansprichst, allerdings sehe ich hier die Chance und die Notwendigkeit voneinander zu lernen. Die Frage, die es dann braucht ist meiner Meinung, die Reflektion, welcher Kampf hier gerade geführt wird, welches Ziel er hat und wer ihn führt. Dies wird einerseits möglich, wenn die historischen materialistischen Verhältnisse mit Differenzen analysiert werden und die Forschung kontextualisiert wird sowie Leerstellen reflektiert werden. Wenn dies nicht passiert, werden Unsichtbarkeit implizit reproduziert. Je nach Begriffsverwendung, werden andere Forschungsfelder oder Theorien möglich. Andererseits ist eine machtkritische intersektionale Analyse notwendig um Verwobenheiten von Betroffenheiten von verschiedenen Strukturen und Vielfalt darzustellen sowie Repräsentanz zu erreichen. Diese Auseinandersetzung macht es möglich, kollektiv Verantwortung zu übernehmen, um -Ismen zu verlernen. Dafür braucht es besonders Empathie, den Willen diese Aufgabe anzugehen, das Hinterfragen von Privilegien und das Verständnis von gesellschaftlichen hierarchischen Strukturen. Die Akzeptanz dafür, ist meiner Meinung nach, notwendig, um Lebensrealitäten im Kleinen und im Großen zu verbessern. In feministischer Praxis braucht es m. E. den solidarischen Kampf für machtkritische Vielfalt und Zugang zu materiellen Ressourcen beziehungsweise eine andauernde Auseinandersetzung und Sichtbarmachung der beiden Perspektiven. Queerfeministische und emanzipatorische Diskurse und Kämpfe sollten meiner Meinung nach zusammengeführt werden. Bezogen auf nicht-menschliche Entitäten und ökofeministische Konzepte machen diese Begrifflichkeiten beispielsweise Queer Ecologies, Betroffenheiten vom Klimawandel und die Auseinandersetzung mit Subsistenzarbeit möglich.

Du bist auf dem Kongress mit dem Workshop „Ökologisches Sorgen – Wie können verschiedene Arten von Care mit Natur/en aus feministischer Perspektive aussehen?“ vertreten. Könntest du einmal erklären, was du unter ökologischem Sorgen verstehst?

Ich hoffe, dass in meinen vorherigen Antworten schon angeklungen ist. Meiner Meinung nach braucht es einen Sorgebegriff für Dinge, wie nicht-menschliche Entitäten. Auch der Sorgebegriff braucht eine ständige Überarbeitung ohne ihn zu verwaschen. Ein nicht anthropozentrischer Sorgebegriff stellt die Verwandtschaft verschiedener Spezies oder das voneinander abhängige in-Beziehung sein mit nicht-menschlichen Entitäten heraus. Auch hier werden vielfältige Realitäten sichtbar gemacht, ohne ausbeuterischen Verhältnisse unsichtbar zu machen (Anm. d. R.: siehe Frage 3). Ein möglicher Sorgebegriff ist beispielsweise das Sorgen mit oder für Natur/en als Handeln zur Aufrechterhaltung und zum Wiederherstellen des Lebens, welches ich als politisch-ethische Angelegenheit verstehe. Natur/en brauchen eine Stimme und Rechte. Ich nutze die Schreibweise Natur/en um auf verschiedene Entitäten aufmerksam zu machen, wie Pilze, Bakterien, Schnecken, Meere und Wälder. Ein Sorgebegriff muss herausarbeiten, wer sich wofür, wie und warum sorgt und die Machtstrukturen zwischen Menschen, anderen Spezien und Umwelten dazu herausarbeiten. Ich hoffe, dass solidarische Beziehungen mit Natur/en so sichtbar und wertgeschätzt werden. Politische Kämpfe, wie antikoloniale Landrechtskämpfe im globalen Süden und die Hambi-Besetzung sowie Ende Gelände im deutschen Kontext praktizieren den Kampf für soziale und ökologische Gerechtigkeit im Sinne eines mehr-Arten Widerstandes.

Den von Lina erwähnte Blogeintrag findet ihr hier:
www.postwachstum.de/pluralising-degrowth-grenz_ziehungen-ueberwinden-20211001

Außerdem hat Lina Literatur mit uns geteilt, die sie unter anderem nutze, um sich auf unsere Fragen vorzubereiten:

Collective Mapping Team (2020). Multispecies Resistance.
storymaps.arcgis.com/stories/46d781eb9f3743c49b0f6490100074f7

Escobar, Arturo (2015). Commons im Pluriversum. In: Helfrich, Silke; Bollier, David; Heinrich Böll Stiftung (Hg.) Die Welt der Commons – Muster gemeinsamen Handelns.
www.band2.dieweltdercommons.de/essays/commons_im_pluriversum.html

Feminist and Degrowth Alliances (FaDA) (2020). Feminist Degrowth: Collaborative FaDa reflections on the Covid-19 Pandemic and the Politics of Social Reproduction
globaldeepnetwork.org/wp-content/uploads/2020/05/FADA-Statement.pdf

Ituen, Imeh; Kennedy-Asante, Rebecca Abena (2019). 500 Jahre Umweltrassismus
taz.de/Kolonialismus-und-Klimakrise/!5638661

Puig de la Bellacasa, Maria (2017). Matters of Care – Speculative Ethics in more than human worlds. Minneapolis, London: University of Minnesota Press.

Im Gespräch:

Foto von Parwaneh Mirassan

Parwaneh Mirassan
Öffentlichkeitsarbeit und Transformative Bildung

Foto Lina Hansen

Lina Hansen
Referentin für den Workshop „Ökologisches Sorgen“

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