Foto: Tim Wagner

Fridays for Future ist ein Muster für das Lernen in Sozialen Bewegungen

Autor: Max Frauenlob
Ich muss zugeben die aktuelle Bewegung ‚Fridays for Future‘ hat auch mich überrascht, war es doch in den letzten Jahren recht ruhig in Sachen ‚Bildungsstreik‘ an Schulen und Universitäten geworden.  Doch nun sind die Schüler*innen auf den Straßen, folgen dem Vorbild der jungen Schwedin Greta Thunberg und sind binnen kürzester Zeit zu einem relevanten Faktor im Ringen um die sozial-ökologische Transformation in Deutschland geworden. Sie waren es, die bereits am Tag vor der Verkündung des faulen Kohlekompromisses mit 10.000 jungen Menschen diese allzu kurzsichtige realpolitische Agenda entlarvten. „Ihr seid es, die unsere Zukunft verheizt“ – Es ist ein lautes Nein zu den Regeln des herrschenden politischen Betriebs „ihr repräsentiert uns nicht – wir nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand.“
Noch lässt sich schwer abschätzen, in welcher Weise die Klimastreiks weiter gehen und ob sie ihren Höhepunkt bereits erreicht haben. Am 15. März wird noch einmal eine größere Mobilisierung erfolgen und Schüler*innen in vielen Ländern werden gleichzeitig auf die Straße gehen. Im Moment ist Fridays for Future so zu einer neuen Hoffnung der Klimagerechtigkeitsbewegung geworden, nicht nur in Deutschland.

Transformatives Lernen ganz praktisch

Die Klimastreiks sind dabei auch ein wertvoller Raum, in dem transformatives Lernen praktisch wird. Auch wenn es ein bisschen wie die Geschichte des alten Onkels von gestern klingen mag: Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich im Frühjahr 2003 mein erstes eigenes Demoschild malte, mit meinen Mitschüler*innen die Schule schwänzte und zur Demo gegen den Irakkrieg nach Friedberg fuhr. Kein Politikunterricht der Welt kann diese Form der Politisierung ersetzen. Heute also Fridays for Future: Binnen kürzester Zeit organisieren sich Schüler*innen in über 100 Städten via Social Media miteinander, sie melden Demos an, moderieren Bündnistreffen, schreiben Reden und widersetzen sich einer Schulordnung in der ein solches Lernen in der Praxis nicht vorgesehen ist.

Es ist diese Kombination aus Selbstorganisation, Zukunftsorientierung und Widerständigkeit, die Fridays for Future zu einem Muster für das Lernen in Sozialen Bewegungen werden lässt. Der Kampf gegen den Klimawandel bietet den Schüler*innen dabei eine beispiellose Legitimation: Sie sind es die noch im Jahr 2090 auf dieser Erde leben möchten, ihre Lehrer*innen und die Generation ihrer Eltern sind es, die in der Gesamtschau bis heute ihren Wohlstand auf Kosten anderer ausleben und dies kaum hinterfragen.

Klimastreikbewegung wirft Machtfrage auf

Eine große Stärke der Klimastreikbewegung besteht darin, dass sie es nicht bei Appellen belässt sondern zugleich die Machtfrage aufwirft. Sie akzeptieren keine Kohlekommision die überwiegend aus alten Männern besteht und Stimmen von Jugendlichen gänzlich außen vor lässt. Sie wehren sich gegen ein Politikverständnis, welches weitere Klimazerstörung in einem vermeintlichen Konsens zementiert. Es kann keinen Konsens zur weiteren Zerstörung von Lebensgrundlagen geben, jede Umweltzerstörung wird daher kritisch hinterfragt, anstatt sich den vermeintlichen Sachzwängen zu beugen.

Eine große Stärke der Klimastreikbewegung besteht darin, dass sie es nicht bei Appellen belässt sondern zugleich die Machtfrage aufwirft. Sie akzeptieren keine Kohlekommision die überwiegend aus alten Männern besteht und Stimmen von Jugendlichen gänzlich außen vor lässt.

 

‚Fridays for Furture‘ auf der Konferenz ‚Bildung Macht Zukunft‘

Die neue Klimastreikbewegung fällt in unsere Vorbereitungen der Konferenz ‚Bildung Macht Zukunft‘ vom 21-24.Februar in Kassel. Im Orgakreis freuen wir uns über diese aktuelle Dynamik. Und auch für uns leiten sich daraus einige Fragen ab:

  • Wie funktioniert Lernen in Sozialen Bewegungen konkret und wo liegen die Potentiale?
  • Wie kann eine kritische und emanzipatorische Bildung entsprechende Dynamiken aufgreifen und Akteur*innen in ihrem Handeln bestärken?
  • Welche Voraussetzungen für eine solche Bildung bestehen im schulischen und außerschulischen Bereich und wie können eingefahrene Strukturen verbessert und aufgebrochen werden?

In der Konferenzplanung haben wir spontan auf die aktuelle Bewegung reagiert: Am Konferenzfreitag haben wir Aktive von Fridays for Future zu einem Statement auf der Konferenz eingeladen. Anschließend gehen wir gemeinsam raus und laden die Konferenzgäste ein, darunter viele Lehrerinnen und Lehrer, sich mit Fridays for Future zu solidarisieren.

Neue Herausforderungen

Das Aufkommen der neuen Bewegung stellt uns auch als Konzeptwerk und neben der Konferenz als Akteur politischer Bildung vor neue Herausforderungen:

  • Was können wir der Bewegung anbieten ohne uns anzubiedern?
  • Wie viele Kapazitäten haben wir eigentlich jenseits der doch recht bestimmenden Jahresplanung/Antragslogik?
  • Können und ‚dürfen‘ wir dabei eigentlich auch Geld verdienen, schließlich ist unsere politische Arbeit ja auch unser Broterwerb?
  • Wie können wir in diesem Schnittfeld aus Aktivismus und politischer Bildung sinnvoll agieren?

Die Klimastreiks fordern uns verhältnismäßig alten Häs*innen, die sich selbst noch für jung halten und plötzlich von der nächsten Generation von Aktivist*innen überrascht werden, also auch heraus:

Was können wir selbst von den jungen Bewegungsakteur*innen lernen? Wie können wir unsere Strukturen etwa Klimacamps und Sommerschulen noch besser für junge Menschen öffnen?  – Eine neue politische Generation setzt sich gerade in Bewegung und läuft zumindest momentan bereits auf der Überholspur. – Hut ab! Und auf geht‘s, ab geht‘s – lasst uns voneinander lernen – uns bewegen lassen und uns selbst bewegen.