Foto:  Mark Bridge, CC BY-NC-ND 2.0

Offene Standards für digitale Selbstbestimmung

Zukunftswerkstatt zum Thema Digitalisierung/ Technik

Von Anja Höfner und Nicolas Guenot

27.07.2020

 

Wie könnte eine demokratisch gestaltete digitale Technik aussehen, die Menschen befähigt, Software und Daten selbstbestimmt zu verwenden, und in der technische Geräte reparierbar und langlebig sind? Der folgende Text ist inspiriert von einer Zukunftswerkstatt zum Thema Digitalisierung, die wir im Rahmen des Projekts „Zukunft für alle – gerecht. ökologisch. machbar.“ durchgeführt haben.

Im Jahr 2048 gibt es: langlebige technische Geräte, offene Standards, dezentrale Werkstattstrukturen und selbstverwaltete Netzwerke, transparente und selbstbestimmte Produktion

Im Jahr 2048 gibt es nicht mehr:  profitgetriebene Datenakkumulation und Datenmonopole, software-induzierte Obsoleszenz, Rebound-Effekte, Menschenrechtsverletzungen im Herstellungsprozess, proprietäre Software

Ich sitze im Zug und denke über die letzten Tage nach. Diese Woche haben wir im Kollektiv über die Jahresplanung für 2049 gesprochen. Das war diesmal – wie in den meisten anderen Jahren auch – wieder ein intensiver Aushandlungsprozess darüber, wie viele Lastenräder wir bauen und betreuen wollen und damit auch direkt mit der Frage verbunden, wie viel wir eigentlich arbeiten wollen.
Der Zug ist heute nicht sehr schnell unterwegs, da es bewölkt und windstill ist. Die Fahrtzeit nach Wrocław ist daher länger als bei sonnigem oder windigem Wetter, da die Speicher nicht die gleiche Leistung bringen wie das Einspeisen direkt von der Energiequelle. Wir sollen gegen 14:00 ankommen. Das müsste ausreichen, um mich noch in den Aufgabenplan unseres Kollektivs für die nächste Woche einzutragen. Denn wir arbeiten selbstorganisiert und tragen uns unseren Bedürfnissen und momentanen Möglichkeiten entsprechend in die Aufgabenpläne ein.
Dafür sollte ich mich nach dem Ankommen in Wrocław, wo das diesjährige Netzwerktreffen mit Lastenradkollektiven aus ganz Europa stattfindet, um ein Ansible kümmern. Das Ansible ist ein multifunktionales Gerät, das ich an allen möglichen Orten ausleihen und auch an anderen Orten wieder abgeben kann. Es trägt diesen Namen, weil es bei seiner Einführung nach einem technischen Gerät aus einem Science-Fiction Buch von Ursula Le Guin benannt wurde.

Kurz vor 14:00 kommen wir an. Vor dem Bahnhof gibt es einen großen Platz mit vielen Bäumen, Sitzbänken und öffentlichen Wasserspendern. Weiter hinten sehe ich viele Fahrradfahrer*innen, die zu zweit nebeneinander fahren und aneinander vorbei. Auf den Dächern der Häuser im Hintergrund stehen Windkraftanlagen. Rechts vom Platz sind viele Fahrradparkplätze, auf einer betonierten Fläche, die wahrscheinlich mal ein Autoparkplatz war. Davor stehen Rikschas in einer Schlange bereit und warten auf Fahrgäste – diese haben meistens viel Gepäck oder sind schon älter. Andere Menschen steigen in die Straßenbahnen, die leise dahingleiten. Ich suche den Platz nach einer Verleihstation ab, die normalerweise neben Fahrrädern, Lastenrädern und Kinderwägen auch Ansibles zum Ausleihen haben. Dabei fallen mir schon die vielen Punkte auf, an denen ich mich kabelgebunden mit dem öffentlichen Netzwerk der Stadt verbinden kann: an Sitzbänken und Haltestellen sind die Verbindungspunkte markiert. In der Nähe der Straßenbahnhaltestelle entdecke ich dann auch die Verleihstation.

Um die Organisation der Ausleihe zu ermöglichen, gibt es ein allgemeines System, mit dem verfolgt werden kann, wo und wann Ansibles ausgeliehen und zurückgegeben werden. Ich verlasse die Verleihstation und setze mich auf eine Sitzbank in der Nähe. Dann stecke ich meinen persönlichen Datenspeicher in das Ansible. Der Datenspeicher ist ein kleiner Stecker, auf dem meine persönlichen Daten gespeichert sind. Ich kann ihn an jedes Ansible anschließen und dann das Gerät komfortabel so nutzen, als wäre es meines, da alle persönlichen Einstellungen von dem kleinen Stecker übernommen werden. Ich will mich gerade in unsere Cloud einloggen um mich in den Plan eintragen zu können, als ich feststellen muss, dass es ein technisches Problem zu geben scheint. Das Einstecken meines Steckers hat nichts verändert. Sonst funktioniert es immer einwandfrei. Vielleicht liegt ein Kompatibilitätsproblem vor. Um es nicht unnötig kompliziert zu machen, indem ich versuche, das Problem komplett alleine zu lösen, frage ich in der Verteilstation, wo die nächstgelegene Werkstatt im Viertel ist. Die ist nur zwei Straßen weiter und in knappen fünf Minuten bin ich schon da.

Dort schaue ich mir zusammen mit einer Person aus der Werkstatt in den Einstellungen die Zusammensetzung des Ansibles an. Die offenen Standards, die überall gleich sind, lassen mich auch funktional unterschiedliche Geräte leicht verstehen. Wir stellen fest, dass es sich bei dem Netzwerkmodul um ein anderes als üblich handelt. Vielleicht wurde das bestehende wegen eines technischen Defekts mal mit einem älteren Ersatzteil getauscht? Oder es handelt sich wegen eines Mangels an bestimmten Rohstoffen um eine andere Bauweise? So oder so müssen wir als nächstes herausfinden, ob es im Ansible-wiki, einer offenen und für alle zugänglichen Plattform, in der alle Standards, Bauanleitungen und Konfigurationsanleitungen abgelegt sind, bereits einen Kompatibilitätsstandard zwischen diesem speziellen Netzwerk-Modul in dem Ansible und der Art meines persönlichen Datenspeichers gibt. Leider liegt ein solcher Eintrag nicht vor. Wir machen uns also selbst daran, Kompatibilität herzustellen.

Zwar passiert es nicht ständig, dass man selbst Hand anlegen muss, aber ab und zu schon, z.B. wenn zu Hause ein Gerät kaputt geht oder wir auf der Arbeit eine Maschine anders programmieren wollen. Dadurch, dass wir das schon von klein auf gelernt haben, sind wir damit vertraut. Außerdem setzen die Modularität der Geräte, die Einfachheit der Zusammensetzung und der offene Zugang zu Wissen und Anleitungen der Schwierigkeit Grenzen. Dank dieser Faktoren und der Versiertheit der mir helfenden Person gelingt es uns, Kompatibilität herzustellen. Jetzt bin ich gleich soweit, dass ich mich in den Arbeitsplan eintragen kann. Vorher muss ich nur noch eine sehr wichtige Sache erledigen. Den von uns neu erstellten Kompatibilitätsstandard in das wiki hochladen, damit auch andere davon profitieren können. Zum Glück kann man das nicht mehr vergessen und dauert auch nicht mehr so lange wie früher, da es mithilfe des Tools, das ich auch für die Anpassungen benutzt habe, ganz einfach geht. Das Tool erinnert mich sogar daran, bevor ich es schließen will.
Schließlich haben wir alles geschafft und ich kann meine persönlichen Daten auf dem Ansible sehen. Jetzt kann ich den Aufgabenplan für nächste Woche öffnen und sehe, dass schon alle Aufgaben verteilt sind.. Wie schön, denke ich, denn so kann ich noch einen Tag länger in Wrocław bleiben und mir die Stadt anschauen. Wenn ich schon einmal so weit gefahren bin.

Das Konzeptwerk Neue Ökonomie führte die Zukunftswerkstatt im Rahmen des Projekts „Zukunft für alle – ökologisch. gerecht. machbar“ durch. Insgesamt haben wir 13 Zukunftswerkstätten zu verschiedenen Themenbereichen wie Mobilität, Landwirtschaft, Klima und Energie, Finanzsystem, oder Bildung veranstaltet.

Anja Höfner arbeitet im Konzeptwerk zu den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Sie hat u.a. die Bits & Bäume Konferenz in Berlin mitorganisiert.

Nicolas Guenot arbeitet im Konzeptwerk zu den Themen Digitalisierung und Kapitalismus-Kritik. Er hat u.a. die Bits & Bäume Konferenz in Berlin mitorganisiert.